Der Schlagzeilen-Künstler
Von Dierk Wolters
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Er war jung und hatte bereits eine mehr als ordentliche Karriere als Werbegrafiker in New York hingelegt, da überkam Andy Warhol die Lust, selbst ein Künstler zu werden. Seit jeher war er fasziniert von Glamour, von Stars, vom Berühmtsein, von Sensationen und Skandalen, die unser Inneres oft mehr erschüttern als Nachrichten, die man als seriös bezeichnen würde. Andy Warhols (1928–1987) Bedeutung besteht nicht unwesentlich genau darin: dass er sich rückhaltlos bekannte zu all dem Trash, den man gemeinhin eher verschämt konsumiert.
Die Schau, die das Museum für Moderne Kunst jetzt in der kompletten dritten Etage seines Hauses ausbreitet, beleuchtet jene frühen Jahre, in denen Warhol sich den Weg zum Künstlertum bahnte, und zeigt, wie eng sie mit seiner vormaligen Tätigkeit als Werbegrafiker zusammenhängen.
Da sind zunächst seine vier großformatigen "Headline"-Gemälde, zu denen auch das seit jeher zum MMK gehörende "Daily-News"-Werk von 1962 gehört, das Liz Taylors Seitensprung mit Richard Burton sowie den Zusammenbruch ihres Ehemanns zur Haupt-Schlagzeile macht: Es sind gemalte Zeitungsseiten – und auch wieder keine Zeitungsseiten, denn Warhol zieht aus ihnen gewissermaßen ein optisches Destillat. Indem er sie auf Kernaussagen reduziert und Bildunterschriften weglässt, wird die Nachricht selbst zum Bild. Zu einem Bild, das ganz wesentliche Fragen über uns und unseren Umgang mit Medien und Sensationen und über den Zusammenhang beider stellt. Warhol interessiert der Zeitpunkt, an dem eine Nachricht zum Produkt wird, konsumierbar von Millionen von Lesern oder Fernsehzuschauern. Wieso kann man mit einer Nachricht – einem Ereignis also, zu dem man nichts beigetragen hat – Geld verdienen? Was interessiert uns daran, dass Prinzessin Margaret einen Sohn bekommen hat?
Warhol, ganz Werbegrafiker, bleibt immer an der Oberfläche, so wie er auch später, mit seiner Reihendarstellung der Campbell-Suppendosen etwa, Verpackungen glorifizieren wird. So wird er, indem er diese Oberfläche schonungslos ausstellt und sich selbst mit ihr, zum Gründervater der Pop-Art. Mehr als diese Oberfläche gibt es nicht, sagt Warhol, und unterläuft damit jede Medienkritik. Schein und Sein sind identisch.
"I never read", ich lese niemals, sagt Warhol, der manische Bildergucker und -sammler, apodiktisch und möchte, indem er sich jeder Tiefgründigkeit verweigert, sich selber als Künstler am liebsten mitabschaffen. Seine Freunde setzt er für Bilderserien in Fotoautomaten oder filmt sie mit einer statischen Kamera. 472 (!) solcher Screen-Tests gibt es, drei davon zeigt das MMK: Freunde, die er beim Lesen gefilmt hat. Auch hier wieder das große Warhol-Geheimnis: Nichts geschieht an der Oberfläche, und doch geschieht eine Menge. Der Betrachter sieht den Zeitungslesern zu, wie sich in ihren Köpfen eine Nachricht zum Bild formt.
Aufregungskunst
Warhol hat Zeitungsseiten nachgemalt und dabei oft gravierende Schreibfehler in die Überschriften montiert, wie um zu beweisen, dass es allein aufs Layout und auf den Inhalt nun wirklich nicht ankomme. Gezeigt wird auch eine "Time capsule" (Zeitkapsel), eine jener 800 Kisten aus Andy Warhols Nachlass, die im Jahr 2003 schon einmal Anlass für eine große Warhol-Ausstellung im MMK waren. Die Vitrine diesmal zeigt natürlich eine Kapsel voller Zeitungen. Warhol fotografiert Zeitungsautomaten in Amerika, und Kästen, in denen Zeitungen den Tod von Romy Schneider verkünden. Mehrere Abzüge näht er jeweils mit Fäden aneinander und vervielfältigt auf diese Weise die Vervielfältiger.
Eine Nachricht ist zunächst nur eine Nachricht und wird erst dadurch zum Skandal, dass irgendjemand sie dazu erklärt: Als sich die "New York Post" 1985 zum Beispiel über aufgetauchte Nacktbilder von Madonna empörte, bemalte Keith Haring die ganze Seite mit seinen berühmten Strichmännlein, und die beiden Künstlerfreunde texteten: "Madonna On Nude Pix: So What!" (Madonna auf Nacktbildern: Was soll’s").
Die "Bunte" ganz bunt
So wie Warhol hier eine künstlich erzeugte Medienaufregung in den Fokus seines Interesses rückt, war er in seiner berühmten "Factory" durchaus imstande, sich jeder Sensationsgier radikal zu entziehen: indem er Zeit streckt und dehnt wie in seinen Screen-Tests oder in anderen Film-Experimenten, die ebenfalls in der Frankfurter Schau zu sehen sind.
Anhand zahlreicher Zeitungsseiten-Originale lässt sich rekonstruieren, welche Veränderungen Warhol vornahm, sagt Mario Kramer, der die Schau kuratierte. Sie entstand gemeinsam mit dem Warhol Museum in Pittsburgh, der National Gallery of Art in Washington und der Galleria Nazionale D’Arte Moderna in Rom. Nur in Deutschland ist ein knallbuntes "Bunte"-Bild aus der Sammlung Burda zu sehen. Mit Koffern voller "Bunte"-Zeitschriften kehrte Warhol von Europa nach New York zurück, um aus 25 Titelbildern ein wildes Celebrity-Crossover von "Dallas"-Star Larry Hagman bis zum "Papst in Polen", vom Tod Konrad Adenauers bis zur Hochzeit von Lady Diana und Prinz Charles zu machen: rückhaltlos hingebungsvoll den Nachrichten und dem Trash der Zeit ergeben. Was bedeutet eine Nachricht? Was ist sie wert? Warhol beantwortet diese Fragen nicht. Aber er stellt sie immer wieder neu.
11. Februar bis 13. Mai, MMK Frankfurt, Domstraße 10. Tel.: (069) 21 23 04 47. Geöffnet: Di bis So 10–18, Mi bis 20 Uhr. Eintritt 10 Euro.
Internet: http://www.mmk-frankfurt.de

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