Ägypten hofft und bangt

Schriftsteller, Maler und Musiker des Landes arbeiten weiter an ihrer Utopie von Freiheit

Mag die Zukunft der arabischen Rebellion auch ungewiss sein: Die Künstler in Kairo stärken die Zuversicht mit Kreativität. Einige von ihnen gastieren in der Frankfurter "Tutenchamun"-Ausstellung.

Von Martha Schmidt

Ahmed Kassim will Ägypten verlassen, wenn die Islamisten sich durchsetzen.Von ungebrochenem Optimismus bis zu angstvoller Ungewissheit reicht die Skala der Erwartungen ägyptischer Kunstschaffender an die Zukunft nach dem Ägyptischen Frühling. In den letzten Tagen hat sich die Lage politisch wieder zugespitzt, der Freiheitskampf der Bevölkerung forderte weitere Tote. Niemand vermag genau vorherzusagen, welche Zusagen für mehr Mitbestimmung und Freiheit der herrschende Militärrat tatsächlich bereit ist, einzulösen.

Weg vom Islamismus

Doch trotz der Wahlerfolge der Muslimbruderschaft und der Salafisten – beides islamistische, aber untereinander zerstrittene Gruppen – schaut Ahmed El Maghraby zuversichtlich in die Zukunft. Der Leiter des 2002 in Kairo gegründeten Zentrums für Kultur und Kunst, das die ägyptische Volksmusik pflegt und in Verbindung mit modernen Instrumenten weiterentwickelt und durch regelmäßige Aufführungen dem Publikum vermittelt, ist überzeugt, dass die Ägypter die Islamisten nach drei Monten Regierungszeit abwählen würden. Er gründet seine Hoffnung zum einen darauf, dass die Islamisten keine Erfahrung in Politik und Wirtschaft hätten. Ihre positiven Wahlergebnisse erklärt er sich mit der Unerfahrenheit und Unwissenheit der Ägypter.

Ganz neu anfangen

Er selber hat den Ägyptischen Block gewählt, eine liberaldemokratisch ausgerichtete Partei. Sein Projekt, die Archivierung und lebendige Fortführung des ägyptischen Musikschatzes, sei durch die Islamisten gefährdet. "Islamisten mögen nicht, was schön ist und Gefühle ausdrückt", sagt er. Die Musik von "Nass Makan", eine Gruppe, die vor sechs Jahren von ägyptischen Musikerinnen und Musikern in Ahmed El Maghrabys Kulturzentrum gegründet wurde, tut genau das: Sie ist schön, spricht die Gefühle an und bringt die Menschen zum Tanzen. Lebensfreude spricht aus der Stimme und den Bewegungen ihrer Sängerin Madi Ha. Mit ihren Liedern und der Tabla, der traditionellen Handtrommel, animiert sie das Publikum zum Klatschen und Tanzen. "Wir hoffen, dass es bald besser wird," sagt sie. "Nicht mehr so wie früher. Wir müssen neu anfangen."

Volkskunst und Moderne

Die Musikerinnen und Musiker von Nass Makan verwirklichen die Verbindung von Tradition und Moderne. Altes Liedgut und traditionelle Instrumente wie die pharaonische Doppelflöte Kawala und das Hackbrett Kanoun kombinieren sie mit Trompete, Saxofon und Bass. Der Bassist und der Saxofonist spielen auch westliche klassische Musik und Jazz. Das Mittel für diese Mischung aus Tradition und Moderne ist die Improvisation. Damit schlägt "Nass Makan" einen Weg ähnlich wie der in Deutschland schon bekannte Rabih Abou-Khalil ein. Der libanesische Komponist, Oud-Spieler und Jazzmusiker – er floh vor dem libanesischen Bürgerkrieg nach München – übersetzt die arabische Musiktradition in die Gegenwart und sucht das nationale Grenzen überwindende Zusammenspiel mit Jazzmusikern unterschiedlicher Herkunft. Nass Makan nutzt den Jazz allerdings nicht, um das Alte in das Neue zu übertragen, sondern um überhaupt erst das Alte aufzuspüren und sich der Musiktradition zu vergewissern.

Ägypten ist eine Nation, die nach Identität sucht. Auf die Suche danach begibt sich auch der junge Künstler Ahmed Kassim. "Für unsere Identität haben wir nur die Pharaonenzeit, sonst haben wir nichts", sagt er. "Meine Kunst hat viel mit dem ägyptischen Leben zu tun", erläutert er. Er findet in seinen großformatigen Ölbildern Chiffren für den Alltag. Als Labyrinth stellt er das Straßen- und Häusergewirr Kairos dar und verwandelt Autos und Brotverkäufer zu Symbolen. Diese Autos tauchen auch in seinem Bild "Media" auf, das er im November 2011 gemalt hat. Darin thematisiert er die Rolle der offiziellen Medien, die laut seiner Beobachtung komplett andere Bilder von dem Geschehen auf dem Tahrir-Platz gezeigt hätten als die, die er dort gesehen habe.

Er befürchtet Gefahr für die ägyptische Revolution von zwei Seiten: von den islamistischen Parteien und von einem starken Mann aus der Armee. Ein Sieg der Islamisten würde selbst die Freiheiten, die er als Künstler unter Mubarak hatte, vernichten. "Wenn die Islamisten gewinnen, will ich Ägypten verlassen", sagt er. Wohin – das weiß er nicht. Nur weg. Ihm treibt die Ungewissheit über die Zukunft die Angst ins Gesicht.

Sein Künstler-Kollege Khaled Hafez erklärt die Wahlergebnisse in seiner aktuellen Ausstellung in der Kairoer Galerie Safarkhan im noblen Stadtteil auf der Nil-Insel Zamalek mit dem Stockholm-Syndrom: In einer extrem lebensbedrohlichen Situation wie einer Geiselnahme sympathisieren die Opfer mit den Tätern und kooperieren mit ihren Entführern sogar bis über die Geiselnahme hinaus. So täten es auch derzeit die Ägypter, sie klammerten sich an "feloul": das, was übrig bleibt.

Selbst einer seiner Bekannten, der vor einem Jahr auf dem Tahrir-Platz für mehr Demokratie gekämpft habe, habe die Nachfolger von Mubaraks Partei NPD gewählt. Das hat Khaled Hafez sehr erschüttert. Die andere erschreckende Erfahrung war für ihn der Tod seines Künstlerkollegen Ahmed Basiony. Er wurde vor wenigen Tagen, am 28. Januar, auf dem Tahrir-Platz erschossen und dann von einem Auto überrollt. Dennoch hofft Hafez wie viele Intellektuelle, dass die Hoffnung nicht stirbt und der Ägyptische Frühling nicht überrollt wird.

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