Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 24.05.2012 als PDF zum Downloaden.
"Schicken Sie uns ein Exposé!"
Etwa sieben Jahren ist es her, als ich mein Manuskript in die Tasche packte und zur Buchmesse nach Frankfurt fuhr, felsenfest davon überzeugt, man würde mir mein Buch dort begeistert aus der Hand reißen. Aus dem bibeldicken Ausstellerkatalog hatte ich mir die geeigneten Verlage herausgesucht, zuerst wollte ich den fünf Größten der Branche eine faire Chance geben.
Bei den ersten vier Verlagen wurde ich von dauerlächelnden Hostessen abgewimmelt und beschloss, meine Strategie kurzfristig zu ändern. Also drückte ich mich eine Weile um den Stand des fünften Verlages herum. Die ausgestellten Bücher bestärkten mich in der Meinung, dass dieser Verlag sich glücklich schätzen könnte, ein Manuskript wie meines quasi auf dem Silbertablett serviert zu bekommen. Doch leider schien sich niemand nur annähernd für einen neuen Bestseller zu interessieren, jedermann war in wichtige Gespräche vertieft und sondierte die Lage. Meine Wahl fiel auf eine bebrillte Frau Mitte vierzig mit kurzem grauem Haar, die meiner Vorstellung einer Lektorin entsprach. Sie würde auf den ersten Blick erkennen, welchen Rohdiamanten ich im Gepäck hatte. Geduldig und voller Hoffnung lauerte ich auf die passende Gelegenheit. Endlich stand die Frau auf. Zielstrebig, aber nicht überfallartig, ging ich auf sie zu.
"Ich habe ein Buch geschrieben, das sehr gut zu Ihrem Verlag passen würde", verkündete ich mit einem gewinnenden Lächeln. Ein Seufzer entrang sich der Lektorinnenbrust, ein müder Blick streifte meine Tasche, die unter dem Gewicht von 600 Seiten meine Schulter nach unten zog, und mein Mut sank. Nicht einmal mein angeborener Optimismus ließ mich in ihrer Miene einen Hauch von Interesse oder gar Neugier erkennen.
"Wollen Sie nicht wenigstens einen Blick darauf werfen?", bettelte ich verzweifelt und zerrte den kiloschweren Papierpacken hervor, deren Anblick mein Gegenüber erbleichen ließ.
"Schicken Sie uns ein Exposé", beschied sie mich knapp und entkam grußlos.
Enttäuscht schob ich mein Werk zurück in die Tasche. Die Liste der Verlage war abgearbeitet, das Manuskript hatte niemand auch nur angesehen. Ich musste an meiner Strategie wohl doch noch etwas feilen. Die Buchmesse war ganz offensichtlich nicht der richtige Ort, um einen Verlag zu finden.
Nele Neuhaus ist Krimi-Autorin und lebt in Kelkheim im Taunus.
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