Kriechen, hüpfen, hinken

William Forsythe zeigt im Bockenheimer Depot sein neues Tanzstück

Der Choreograf verknüpft seine jüngste Arbeit "Stellentstellen" mit dem Fünfundzwanzigminüter "Whole in the Head".

Von Marcus Hladek

Manchmal verknäulen sich die Körper: Cyril Baldy und Jone San Martin in "Stellentstellen". Foto: Dominik MentzosWeil etwas, das schon gesagt und notiert werden kann, nicht unbedingt noch getanzt werden muss, gibt es beim Rigoristen Forsythe einen ewigen Wettlauf zwischen dem Tanz und seiner Beschreibung durch Notation oder gar Kritik.

Die dadurch entfesselte Verwandlungskunst tobt sich in einer Vielfalt wechselnder Genres aus, sie nimmt aber wohl auch Forsythes eigene Anstrengungen in Sachen Notation ("Motion Bank") als Anreiz, um die gerade erweiterte Grenze wieder tänzerisch zu sprengen, damit der Tanz die Nase vorn behält. Will Sprache da mithalten, muss sie sich wie Quantenphysik gebärden, um den Punkt, wo Forsythe gerade steht, wie die "Weltlinie" eines Teilchens durch die Raumzeit zu beschreiben.

Komischer Gesang

Warf "Whole In The Head" (2010) die Frage auf, wie man vom Körper als Klanginstrument Notiz nehmen soll, ist "Stellentstellen" schon wieder weiter. David Kern, ein Tänzer der nicht tanzt, ist nicht mehr nur Impulsgeber, der die Tänzer mit Tarzanschreien so in Bewegung setzt wie Thom Willems’ Musik oder das Körperklatschen der Solisten und abstrakten Gruppen mit ihren Rückwärtsläufen, Drehungen um die Ich-Achse, ihrer Beobachtungshaltung auf dunkler Hinterbühne und Sprechfetzen.

Das neue Stück, eine Stunde lang, setzt mit einem schnellen, kurzen, technisch hochklassigen Auftritt von fünf Tänzern ein, die gleichsam von "Whole in the Head" herkommen. Dann tritt schon Kern heraus, der, beide Stücke verklammernd, auf seiner glänzenden Country-Gitarre quer zur klingenden Bühnenelektronik von Willems mittelprächtig zu spielen und dazu zu singen beginnt. Das erzeugt Komik. Dies und die eingestreuten Passagen hoher Tanztechnik sind schon der bunt-legeren Tanzklamotten wegen in eine beiläufige Probenatmosphäre eingebettet. Soli wie den gewollt "schlechten", mit "ausgerenkten" Schultern dargebotenen Tanz Cyril Baldys vor Kern und seiner Gitarre unterwirft man darum zunächst keinem intensiven Röntgenblick. Einige Sequenzen erinnern vage an "Reise nach Jerusalem" oder die Fluchtbewegungen bei "Völkerball".

Bald genug zeigt sich aber, dass die Bewegungen der vier Tänzerinnen und acht Tänzer plus Kern im leeren schwarzen Raum weithin ins "Behinderte" stilisiert (entstellt) sind. Fertige Tanzstücke hinstellen scheint zu öde. Stattdessen entsteht allmählich ein Skulpturengarten von rauer Schönheit, der entstellte Bewegung ausstellt: krustentierhaftes Seitwärtslaufen, Pinguinmotorik im Lotussitz, Hüpfer und Trippler, Zuckungen, Hinken, Baldys Schneckenkriechen auf der Mittelachse, äffisch in die Hocke gestreckte Arme. Oft verteilen sich einzelne, im Finale gar sechs solcher Skulpturen paarweise verschlungener Körperknoten von Francis-Bacon-Anmutung im Raum.

Das hat seine Reize, und gewiss ist die Arbeit daran noch unvollendet. Der Spitzengalerie von Forsythe-Choreografien zuweisen möchte man "Stellentstellen" im Moment womöglich noch nicht. In einem Rahmen wie der "Documenta" würde das Stück aber vielleicht schon wieder glänzen. Mancher im Publikum blieb ratlos.

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