Nicht wert zu leben

Eine beklemmende Berliner Schau zeigt Kinderschicksale in der NS-Zeit

Lange schwiegen Ärzte und ihre Verbände über die Rolle der Medizin im Nazi-Staat. Die "Topographie des Terrors" geht der Beteiligung von Kinderärzten an der Ermordung tausender junger Menschen nach.

Von Esteban Engel (dpa)

Günther E. wurde 1940 mit 10 Jahren in der Gaskammer ermordet.Sie wurden in Gaskammern getötet, gezielt infiziert, sinnlos gequält: Mehr als 10 000 Kinder wurden in der NS-Zeit der Vernichtung preisgegeben – ermordet von Ärzten, Psychiatern und ihren Helfern, missbraucht in Konzentrationslagern für angeblich wissenschaftliche Versuche. Eine Ausstellung in Berlin zeigt das Schicksal dieser jungen Menschen, die von den Nazis für "unwert" erklärt wurden.

Zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) erinnert das NS-Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" an die "Kinder-Euthanasie" und zeichnet das Leben von Tätern nach, die nach dem Zweiten Weltkrieg fast nahtlos ihre Karrieren fortsetzten. Die schockierende Ausstellung "Im Gedenken der Kinder" ist bis zum 20. Mai zu sehen.

Verzweifelte Eltern

"Es geht hier nicht um moralisch fragwürdige Vergehen, sondern um Verbrechen", sagt der Historiker Thomas Beddies von der Berliner Universitätsklinik Charité, der die Ausstellung im Auftrag der DGKJ gestaltet hat. Wie andere Berufsverbände hätten die Kinder- und Jugendärzte erst vor wenigen Jahren die Rolle der Mediziner im NS-Staat aufgearbeitet. "Vernichten und Heilen" – schon vor 1933 sahen sich viele Doktoren unter diesem Leitspruch als Richter über "lebensunwertes Leben".

Die Ausstellung präsentiert unter anderem Dokumente und "Trostbriefe" an verzweifelte Eltern und zeigt aus den Akten den Leidensweg der Opfer und die Lebensläufe der beteiligten Mediziner.

Zu den Tätern gehörte etwa Werner Catel. Mit seinem "Lehrbuch zur Pflege des kranken und des gesunden Kindes" lernten Krankenschwestern noch nach dem Krieg. Das Werk galt als Standard in der Kinderpflege. Catel hatte sein Wissen schon vor dem Krieg eingesetzt: als Gutachter in der Nazi-Zeit im "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden".

Unter diesem bürokratischen Deckmantel wurde die Ermordung von mehr als 5000 Kindern organisiert, die von den Nationalsozialisten als "nicht lebenswert" eingestuft und mit Medikamenten einfach vergiftet wurden. Zusammen mit zwei Kollegen entschied Catel, ob die meistens mit einer Erbkrankheit oder einer Behinderung geborenen Kinder weiter leben sollten – oder eben nicht. "Die Kinder wurden auf ihre Nützlichkeit geprüft", sagt "Topographie"-Direktor Andreas Nachama.

Der Ausschuss war der Reichskanzlei Adolf Hitlers unterstellt. Angesichts möglicher Proteste sollten Staat und Partei über die geheime Morden nichts erfahren. Auch die "Aktion T4" stand unter der direkten Kontrolle von Hitlers Büro. Mehr als 4200 Kinder und Jugendliche wurden 1940/1941 in sechs eigens dafür errichteten Tötungsanstalten ermordet. In der Berliner Tiergartenstraße 4, dort, wo heute die Philharmonie steht, entschieden 100 Beamte über Gutachten, die von Ärzten aus dem ganzen Reich eintrafen.

Qualvoller Tod

Ein rotes Kreuz auf dem Gutachten bedeutete die Ermordung. Für die Todgeweihten wurde eine Sterbeurkunde mit einem plausiblen Grund ausgestellt. Dann bestiegen sie fensterlose Busse und wurden in die Tötungszentren gebracht. In einer als Duschraum getarnten Gaskammer starben sie einen qualvollen Tod durch Kohlenmonoxid.

Der Kinderarzt Catel rechtfertigte nach dem Krieg die Morde und bestritt jede Schuld. Das Landgericht Hamburg lehnte 1949 ein Verfahren gegen ihn mit der Begründung ab, die "Verkürzung lebensunwerten Lebens" stehe nicht im Gegensatz zum "allgemeinen Sittengesetz". Catel starb 1981 – als emeritierter Professor in Kiel.

Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, Berlin. Bis 20. Mai. Geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr.

Telefonisch unter: (030) 25 45 09 50. Internet: http://www.topographie.de

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