Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 24.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Von wegen "gute alte Zeit"
Vor 200 Jahren wurde Charles Dickens geboren, Autor der Romane „Oliver Twist“ und „David Copperfield“
Der englische Schriftsteller beschrieb das Elend, das er sah. Seine Kindergestalten aus dem viktorianischen London sind die traurigsten der Weltliteratur.
Von Britta Gürke (dpa)
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Wie der vollendete britische Gentleman wirkt Charles Dickens auf dieser zeitgenössischen Fotografie. Doch soll er ein missmutiger Mensch gewesen sein.Die gute alte Zeit, in der Kinder noch Kinder sein durften und jeder seinen Platz in der Gesellschaft hatte, wann hat es die gegeben? Wenn irgendjemand gezeigt hat, dass es so niemals war, dann ist das Charles Dickens. Mit seinen Elends-Beschreibungen aus dem viktorianischen London enthüllte er falsche romantische Vorstellungen, und so mancher in seiner Heimat Großbritannien meint sogar, seine Bücher seien heute aktueller denn je. Am heutigen Dienstag vor 200 Jahren wurde der Autor, der schon zu seinen Lebzeiten berühmt war, geboren.
Im Königreich wird der Schriftsteller wie ein Volksheld gefeiert. Sein Roman "Oliver Twist" handelt von einem Waisenknaben, dem erst nach Jahren körperlicher und seelischer Misshandlung Barmherzigkeit widerfährt. "Eine Weihnachtsgeschichte" erzählt von dem geizigen, herzlosen Geschäftsmann Ebenezer Scrooge, der sich erst am Heiligen Abend durch Geistererscheinungen zu einem gütigen Menschen wandelt.
Wie die Jugend von heute
Wegen seines sozialen Mitgefühls wird Charles Dickens bis heute manchmal um Rat befragt. Als im August 2011 Plünderungen und Aufstände die Straßen in London und anderen englischen Städten unsicher machten, stellten gleich mehrere Kommentatoren die Frage: "Was würde Charles Dickens wohl zur heutigen Misere sagen?" Er würde eine Menge Fragen und Probleme wiedererkennen, meinte Alex Werner vom "Museum of London", einem der zahlreichen Ausrichter von Dickens-Sonderausstellungen im Jubiläumsjahr 2012, in einem Gespräch mit dem Rundfunksender BBC. "Er schrieb über finanzielle Probleme, Einwanderung, schlechte Bildung und schlechte Wohnbedingungen – diese Dinge klingen für Londoner von heute nur allzu bekannt." Auch übermäßige Bürokratie soll Charles Dickens schon festgestellt haben.
Meister der Episoden
Sogar mit dem Internetdienst Twitter – Symbol für die Beschleunigung der heutigen Welt und viele gesellschaftliche Probleme – wird Dickens in Verbindung gebracht. Er schrieb seine Romane nämlich in einzelnen Episoden für Zeitschriften. Oft zogen sich die Veröffentlichungen der Geschichten über Monate und Jahre hinweg. Anders als einige seiner Kollegen hatte Dickens seine Romane oft vor der Veröffentlichung gar nicht fertig, sondern entwickelte die Erzählung erst allmählich. Ergebnis: der besondere Dickens-Stil voller Spannungsbögen und parallel laufender Handlungen.
Einige Forscher glauben, mit diesem Stil habe der Schriftsteller die Grundlagen für die spätere Erzählweise des Films geschaffen und quasi das Kino "erfunden". Im Zeitalter von Twitter und anderer Formen von Mini-Tagebuch-Schreiben und Bloggen im Internet erscheine Dickens’ serielle Arbeitsweise "seltsam passend", meint BBC-Experte Matthew Davis und nennt ihn "den Meister der Schnipsel".
Dickens ist bis heute einer der meistgelesenen Autoren in englischer Sprache weltweit. Der Begriff "dickensian" ist zum Inbegriff für äußerste Armut geworden. Seine Werke wurden hundertfach verfilmt. Namhafte Regisseure wie Roman Polanski wählten als Vorlage "Oliver Twist". Im Jubiläumsjahr schwappt geradezu eine Flut von Neuverfilmungen, neuen Buchausgaben, Ausstellungen, Biografien und anderen Dickens-Erinnerungen auf den britischen Markt. Sein Realismus, sein Humor, seine einzigartigen Charaktere – das sind nur einige der Elemente, für die er gefeiert wird. Auch sein Einsatz gegen Armut und für bessere Lebensbedingungen wird gewürdigt.
Im wahren Leben allerdings war Dickens offenbar keinesfalls immer der nette Märchenonkel und Menschenfreund, als der er durch seine Bücher erscheinen mag. Er soll ein Zwangscharakter gewesen sein, pedantisch und missmutig, bisweilen bösartig. Auch eitel war er angeblich. Eine Ausstellung der "British Library" dokumentiert gar Plagiats-Vorwürfe gegen ihn. Dickens’ Bücher tragen teilweise autobiografische Züge. So musste er als Kind mehrere Monate in einer Schuhcreme-Fabrik arbeiten, weil sein Vater wegen Schulden im Gefängnis saß. Nach seiner Schulzeit in London und Umgebung arbeitete der spätere Schriftsteller erst bei Rechtsanwälten, dann als Stenograf beim Zivilgericht, schließlich als Reporter. Diesen Werdegang schilderte er in seinem Roman "David Copperfield", der zu seinem Alter Ego wurde. Der armenisch-amerikanische Großzauberer David Kotkin tritt unter dem Künstlernamen David Copperfield auf.
Charles Dickens’ erste Erzählungen erschienen 1834. Zwischen Januar 1837 und April 1839 wurde "Oliver Twist" als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift veröffentlicht. Dickens’ naturalistische Beschreibungen der Armut, des Hungers, der Krankheiten und der Verbrechen im damaligen London schockten seine Leser derart, dass das tatsächlich existierende Elendsviertel, in dem das Romangeschehen spielt, abgerissen wurde. So wurde Charles Dickens zu einem gefeierten Autor, der Lesereisen bis nach Amerika unternahm. Bei seinem Tod am 9. Juni 1870 habe er eine öffentliche Beliebtheit genossen, die derjenigen heutiger Stars zu vergleichen sei, heißt es seitens der Dickens-Experten im "Victoria and Albert Museum".
Letzte Ruhe in Westminster
Einen Skandal löste Charles Dickens aus, als er sich 1858 nach mehr als zwanzig Jahren Ehe von seiner Frau Catherine trennte, mit der er zehn Kinder hatte. Der damals 46-Jährige hatte sich in die junge Schauspielerin Ellen Ternan verliebt. In ihrem Haus soll er angeblich gestorben sein. Seine letzte Ruhe hat er in der Londoner Westminster Abbey gefunden, gegenüber einer Gedenkstatue für Großbritanniens anderen literarischen Volkshelden: William Shakespeare.
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