Zettl ist nicht Berlin

Der Regisseur Helmut Dietl wollte eine Satire über den Politikbetrieb der Hauptstadt drehen – und das ging daneben

Helmut Dietl, der so geniale Gesellschaftssatiren wie "Kir Royal", "Schtonk" und "Rossini" gedreht hat, verlegte die Handlung seines neuen Films "Zettl" nach Berlin. Doch der Kult-Regisseur scheitert mit seiner Hauptstadt-Satire – weil er Berlin nicht richtig kennt. So urteilt unsere Korrespondentin Cornelie Barthelme.

Von Cornelie Barthelme

Berlin. Michael «Bully» Herbig als Max Zettl und Karoline Herfurth als seine Geliebte Verena liegen in einer Szene im Bett und sehen nicht glücklich aus.Vielleicht ist das der geniale Moment. Der eine. Als ein halbglatziger, schleimiger, heimorgelnder Ministerpräsident alias Harald Schmidt sich in den Schritt fasst, Auge in Auge mit dem Kanzleramt, weil sein bester Freund, ein absolut überzeugungsfreier Gewerkschafts-Karrierist, zu ihm sagt, wenn er da rein wolle, dann müsse er das "in den Eiern spüren".

Es gibt einen Mann im wirklichen Leben, dem man das zutraut. Diesen Griff. Und vor allem den Reiz, den Kitzel. Man schreibt aber besser nicht, wer das ist. Er ist sowieso schon raus aus dem Berliner Betrieb. Und man wird im wirklichen Leben sehr schnell verklagt. Nur vielleicht so viel: Er soll mal an den Toren des Kanzleramtes gerüttelt haben.

Noch vor den "Zettl"-Premieren in München und in Berlin, auch noch vor den Preview genannten Vor-Vorführungen, nach denen die Rezensenten und Feuilletonisten ihre Verrisse verfassten, hat Helmut Dietl seinen Film besprochen, ausgedeutet, erklärt. Ein halbes Dutzend große Interviews hat er gegeben, und fast immer hat er "Narren" gesagt, wenn er von den Leuten erzählt hat, die er fand in Berlin-Mitte, noch genauer: im Regierungsviertel. "So viele", stand dann beispielsweise in der "Süddeutschen", "auf einem Haufen, das gibt es nirgendwo sonst in Deutschland. Und gefährliche Narren, nicht solche, die nur spielen wollen."

Keine Geheimnisse

Drei Jahre lang hat der Münchner Helmut Dietl die Hauptstadt studiert, dort, wo sie sich als Hauptstadt aufführt, und besonders gern ist er im "Borchardt" gewesen und im "Bocca di Bacco", Ecke Friedrich- und Französische Straße, zwei Restaurants der Drei-Sterne-Kategorie – was die Narren angeht. Rechts neben dem Italiener, beispielsweise, hat Hans-Olaf Henkel, der vor sehr langer Zeit einmal nicht viel zu sagen hatte und nun noch weniger, eine Art von Büro, und über dem Borchardt schrieben fast 20 Jahre die Korrespondenten der "Süddeutschen" ihre Berlin-Storys auf, drei Häuser weiter die vom "Spiegel".

Am Ende fand Dietl, der Schwabing-Liebhaber, Berlin-Mitte überhaupt gar kein bisschen komisch. "Man hat immer das Gefühl, es birgt 1000 Geheimnisse" – das war der Dietl zum Film für "Die Zeit" – "aber es birgt nicht eines."

In zwei Jahren wird der Regisseur 70 Jahre alt. Auch einer, der nicht viermal geheiratet hat, Barbara Valentin beispielsweise, und nicht mit Veronika Ferres liiert war, der Valentin der Neunziger, hat in fast sieben Jahrzehnten sehr viel erlebt und noch mehr gesehen. Einer aber, der "Kir Royal" erfunden hat und "Schtonk!" und "Rossini" – den muss die Selbstherrlichkeit so heftig geküsst haben wie früher die üppigen Blondinen. Wenn er nun sagt, die "Regierungsmeile" sei nicht bloß künstlich und fad, sie verberge auch nichts. Oder ist es vielleicht bloß der Verdruss gewesen?

Man wüsste schon gern, wo und wonach Helmut Dietl gesucht hat. Und ob er vor lauter Gier nach den irrsinnigsten Verrücktheiten, die die tausendundzehn irrwitzigen Überspanntheiten, die es ja gibt, nicht erkennen konnte.

Die Brunches und Lunches an jedem Tag, die Dinners und Partys, immer dieselben Leute reden in einem fort in immer demselben Alleswisserton über immer neues "Aber-Sie-haben-schon-gehört-dass…?", und längst machen "Spiegel" und "Bild" und "Bunte" Politik und die Kanzlerin und die Opposition versuchen, "Bunte" und "Bild" und "Spiegel" zu machen. Oder ob ihm alles das einfach nicht verrückt genug war.

Von Wirklichkeit und Wahrheit handelte der Film-Dietl für den "Tagesspiegel", das Blatt für die Berliner Gutbürgerlichkeit. "Ein Stück von der Wahrheit" solle "Zettl" ergründen. Nach der kann man lange suchen in Mitte. Meistens ist man schon froh, wenn die Wirklichkeit nicht unfassbar ist. Und unbeschreiblich.

Was wäre passiert, hätte man von jenem Abend berichtet, Ende 2010, es ging gerade darum, ob Guido Westerwelle FDP-Chef bleiben könne, und öffentlich tat die FDP so, als sei das gar keine Frage, aber an jenem Abend in jenem Hinterzimmer sagte einer, der es wissen musste, ein ums andere Mal: "Der ist durch. Der ist doch so was von durch."

Vorgänger Baby Schimmerlos

So geht Politik. Und so ging sie schon vor einem guten Vierteljahrhundert, als München eine der heimlichen Hauptstädte war. Nur wussten das damals noch nicht so viele. Und vor allem hatte die Republik vor "Kir Royal" keine Ahnung davon, wie sich das alles vermischt, Regieren und Amüsieren und Intrigieren, und wie viel Spaß das Zuschauen machen kann. Plötzlich jagte durch die altbundesdeutschen Wohnzimmer einer, der hemmungslos abgezockt war, aber das Staunen noch nicht verlernt hatte.

Der Mann hieß Schimmerlos. Vorname: Baby. Erst war er bloß ein Schlawiner. Längst ist er eine Sehnsuchtsfigur. Im wirklichen Berlin 2012 aber hätte der Baby keine Chance gegen all die Großjournalisten und Bescheidwisser. Und im Dietl-Berlin ersetzt ihn ein aufstiegsgeiles, hirnfreies Online-Kasperl.

Vielleicht kann man über "Zettl" ja nicht bloß überhaupt nicht lachen, weil der Über-Münchner Helmut Dietl keinen Schimmer hat von Berlin-Mitte, nicht einmal einen ganz blassen, und weil das so traurig ist.

Vielleicht kann man auch ein bisschen deshalb nicht lachen, weil manches nicht bloß keine Satire ist, sondern, viel schlimmer, die reine Wirklichkeit.

"Nichts", sagt der Harald-Schmidt-Ministerpräsident – in Griffweite lockt das Kanzleramt. "Ich spüre nichts." Das ist wahr. Und so unendlich schade.

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