Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 24.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Deutschland, deine Kinder
In keinem Land Europas gibt es so wenig Nachwuchs wie hierzulande – Warum ist das so?
Auch der minimale Geburtenanstieg im vergangenen Jahr konnte das Blatt nicht wenden: Der Anteil der Kinder an der Gesamtbevölkerung geht zurück. Dabei erklären 92 Prozent aller Kinderlosen, gerne ein Kind haben zu wollen. Wie passt das zusammen?
Frankfurt. ![]()
Die Zahl der Kinder in Deutschland sinkt seit über zehn Jahren.Ein langer Tisch mit bunten Stühlen, an der Wand ein paar alte Küchenschränke, durch das Fenster fällt der Blick in den Garten mit Kaninchenstall und großer Sandspielecke. "Willkommen auf unserer Baustelle", sagt Katrin Krüger fröhlich. Seit vier Monaten wohnen Krüger, ihr Ehemann Harald Müller und ihre Kinder in dem Haus bei Lübeck. Eine Familie wie aus dem Bilderbuch: Nett, preisbewusst, nicht überkandidelt, jedoch mit 5000 Euro netto im Monat gut versorgt. Eigenheim, zwei Autos und fünf Kinder im Alter zwischen sechs Monaten und sechs Jahren. Ein Familienidyll, das Seltenheitswert hat.
In jeder Hinsicht liegt die Familie Krüger/Müller über dem statistischem Durchschnitt, natürlich beim Einkommen, aber erst recht bei der Kinderzahl.
Wenig Kinder
Kinder werden in Deutschland immer weniger – in keinem Land Europas gibt es so wenige Minderjährige wie hier. Nur noch 16,5 Prozent der über 81 Millionen Menschen in der Bundesrepublik sind jünger als 18 Jahre. Allein in den vergangenen zehn Jahren sank die Zahl der Minderjährigen um 2,1 Millionen auf 13,1 Millionen. Das geht aus dem am Mittwoch vorgelegten Bericht des Statistischen Bundesamtes "Wie leben Kinder in Deutschland?" hervor.
Im Nachbarland Frankreich liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung bei mehr als 22 Prozent. Bereits seit den frühen 80er Jahren ist man dort bemüht, mit gezielter Familienpolitik die Geburtenrate zu steigern.
Kinderlos – warum?
Familienpolitik in Deutschland – das hieß lange Zeit nur Förderung der Einverdienerehe. Eine Heirat zahlt sich finanziell aus, und noch immer wird es steuerlich honoriert, wenn nur ein Partner arbeiten geht – egal, ob ein Einkommen zum Leben ausreicht oder nicht.
Bereits 2006 schaute sich das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) den Kinderwunsch der Deutschen genauer an und stellte ganz lapidar fest: Die Rahmenbedingungen müssen so gestaltet werden, dass unterschiedliche Familienkonstellationen und Lebensentwürfe berücksichtigt werden. Im Klartext: Wenn der Staat mehr Kinder will, sollte er den Leuten nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben, sondern ihnen helfen, ihre Wünsche umzusetzen.
Im Juni erst hielt Jasmin Passet im BiB-Zentralorgan "Bevölkerungsforschung" fest, dass 92 Prozent aller Kinderlosen angeben, mindestens ein Kind haben zu wollen. Die Wissenschaftlerin sieht für die Kinderlosigkeit mehrere Gründe, auffallend ist aber die Qualifizierung der Frau: Je besser gebildet und auch verdienend, desto eher bleibt die Frau kinderlos. Das könnte am Fehlen einer Partnerschaft liegen – aber auch an einer unmöglichen Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Betreuung wird besser
Immer noch fehlen in Deutschland 278 000 Betreuungsplätze für unter Dreijährige – und die vorhandenen Plätze sind ungleich verteilt. Während im Osten die Betreuungsquote generell hoch ist, Sachsen-Anhalt führt mit 56 Prozent, fällt sie im Westen ab. Schlusslicht ist Nordrhein-Westfalen mit nur 14 Prozent.
Dabei sagt die bloße Anzahl der Plätze nichts über die Qualität der Betreuung oder deren Alltagstauglichkeit aus. Viele Einrichtungen bilden großzügig die Schulferien ab und schließen an mehr Tagen, als arbeitende Eltern Urlaub haben; andere machen sogar Mittagspause und auch die Öffnungszeiten sind häufig ein Problem. Der Terminus "ganztags" ist mehr Verpackung als Inhalt: Wer arbeitet heutzutage nur bis 15.30 Uhr?
Katrin Krüger, Unternehmensberaterin in Elternzeit, leistet sich für Ole (2) und Enno (sechs Monate) an drei Nachmittagen die Woche eine Betreuung, damit die Mutter Zeit für die Großen, Mika (6), Merle (5) und Nele (dreieinhalb), hat. "Das ist ein echter Luxus, aber nur so habe ich die Möglichkeit, mal mit den größeren Kindern ins Schwimmbad zu gehen, mit ihnen zu spielen oder zu basteln", sagt Krüger. 800 Euro kostet die Betreuung der zwei Kleinen im Monat.
800 Euro zum Leben
800 Euro – exakt so viel hat Petra Siebert für sich und die drei Kinder zum Leben. Die Plattenbauwohnung im sozialen Brennpunkt musste sie sich vor Gericht erstreiten – sie war einen Quadratmeter größer als vom Gesetzgeber vorgesehen. Seit der Trennung vom Mann findet die gelernte Tierpflegerin in Schwerin keinen Job.
35 Prozent der Kinder unter 15 leben dort von Hartz IV – im Bundesdurchschnitt sind es 15 Prozent. Armutsgefährdet, so nennt das die Statistik, wenn das Nettoeinkommen unter 11 151 Euro im Jahr liegt – bei 33 Prozent der Alleinerziehenden ist dies der Fall, aber nur bei vier Prozent der Paare mit Kindern. Allerdings: Deutschland ist kein Entwicklungsland. In über 90 Prozent der Fälle werden auch bei armutsgefährdeten Kindern alle Grundbedürfnisse erfüllt: Neue Kleidung, zwei Paar Schuhe, drei Mahlzeiten pro Tag sowie Obst und Gemüse und auch Bücher sowie Spielzeug bekommen nahezu alle Kinder. Anders sieht es beim Urlaub aus und auch bei Hobbys wie Musikunterricht. Hier muss ein gutes Drittel verzichten.
In den Ferien mal richtig verreisen – das ist der Wunschtraum der drei Töchter von Petra Siebert. "Ein paar Tage bei der Oma in Thüringen, mehr ist einfach nicht drin", sagt die 41-Jährige.
Doch auch die Großfamilie Krüger/Harald fährt nicht in die Ferne. Urlaub macht die Familie in der Ferienwohnung von Bekannten im nahen Ostseebad Grömitz. "Wir haben ein gutes Einkommen, aber durch unsere große Familie auch viele Ausgaben. Im Moment geht es gerade so auf", sagt Katrin Krüger. Vielleicht ist dies ein Grund für manche Kinderlosigkeit: die Angst, sich Kinder nicht leisten zu können. dpa/red


Folge uns unter