Höchste Auszeichnung für 98-jährige Judokämpferin

Mit 98 Jahren hat Keiko Fukuda als erste Frau in der Geschichte des Judo den höchsten Meistertitel der Kampfsportart erhalten. Die Enkelin eines Samurai hätte das nie erwartet. Der Sport ist bis heute von Männern geprägt. Das kann sich nun ändern.

Von Elisabeth Gründer

98 Jahre ist sie alt - und begleitet noch immer das Judo-Training: Keiko Fukuda. Foto: dpa San Francisco. Sie ist 98 Jahre alt, misst knapp 1,50 Meter, wiegt 45 Kilogramm und könnte mit nur einer Handbewegung die meisten Männer problemlos zu Fall bringen. Nun hat Keiko Fukuda im hohen Alter das erreicht, was vor ihr noch keine andere Frau geschafft hat: Die gebürtige Japanerin bekam den höchsten Judo-Titel, den zehnten Meistergürtel (Dan), verliehen.

"Kein einziges Mal" in ihrem Leben habe sie sich das vorstellen können, sagt Fukuda. Die Auszeichnung könnte ein Schritt sein zu mehr Gleichberechtigung der Geschlechter in der traditionell von Männern geprägten Kampfsportart.

Training dreimal die Woche

Schon seit einigen Jahren kämpft Fukuda nicht mehr. Aber das hält die 98-Jährige nicht davon ab, dreimal in der Woche das Training im "Dojo" in San Franciscos Stadtteil Noe Valley zu beaufsichtigen.

Mit vorsichtigen Minischritten und gestützt von zwei Helferinnen betritt Fukuda-shihan - wie sie als Großmeisterin nun respektvoll genannt wird - den kleinen Trainingsraum. Umgehend unterbrechen die Judo-Schülerinnen ihre Aufwärmübungen und begrüßen die Meisterin mit einer tiefen Verbeugung. Die Ehrfurcht steht den jungen Frauen ins Gesicht geschrieben.

Kampfsport seit 1935

Langsam nimmt die Meisterin neben einem übergroßen Schwarzweiß-Bild des Judo-Begründers Jigoro Kano Platz. Mit strengem Blick schaut er während des Trainings auf die keuchenden jungen Frauen hinab. Ihm hat Fukuda es zu verdanken, dass sie 1935 mit dem Kampfsport anfing. Fukudas Großvater war einer der letzten Samurai aus Japans Feudalzeit und Kanos erster Kampfsportlehrer. Aus Dank und Respekt vor ihm hatte Kano die junge Fukuda zum Training eingeladen.

Die damals 22-Jährige - bis dahin lediglich in Kalligrafie und Teezeremonie ausgebildet - war schockiert. "Da sah ich, wie Frauen sich über die Schulter warfen und dabei ihre Beine spreizten. Ich dachte nur: Die haben ja überhaupt kein Benehmen", erinnert sich Fukuda. Doch dann nahm sie selbst Unterricht. "Am Anfang tat ich es nicht aus persönlicher Freude, sondern aus Pflichtgefühl meiner Familie und meinem Großvater gegenüber." Heiraten kam von da an für sie nicht mehr infrage.

Umzug in die USA

Fukuda wurde 1953 und nochmals 1966 von Judo-Clubs und Universitäten nach Kalifornien eingeladen, um Seminare zu halten und die bis dahin weniger bekannte Kampfsportart zu unterrichten. Nach ihrem zweiten Besuch blieb sie in den USA. Es hätte dort mehr Möglichkeiten gegeben als in Japan, Mädchen Judo beizubringen, so Fukuda. Seitdem unterrichtet sie in San Francisco - als einzige noch lebende Schülerin Kanos.

Ihre Schülerinnen wissen das zu schätzen. Die 34-jährige Nav sagt: "Nach meinem Ingenieurs-Studium wollte ich von San Francisco wegziehen. Doch dann entschied ich mich hierzubleiben und von Fukuda-shihan zu lernen. Sie ist das letzte noch lebende Bindeglied. Es wäre Unsinn, diese Chance nicht zu nutzen." Auch zwei neue Schülerinnen sind nach ihrer ersten Judo-Stunde begeistert von der Meisterin. "Sie ist eine inspirierende Lehrerin voller Wissen und tritt dennoch stets bescheiden auf", sagt Ema, die über einen Zeitungsartikel von der 98-Jährigen erfahren hatte.

Die kürzliche Ernennung Fukudas zur ranghöchsten Meisterin ist für die jungen Sportlerinnen aus Noe Valley Motivation pur. Zu lange warten Fukudas Meinung nach noch heute Judo-Kämpferinnen auf die Anerkennung ihrer Leistung. Doch das wird sich von nun an ändern, sagt Fukuda-shihan mit einem selbstbewussten Lächeln.

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