Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 24.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Meine Welt von Stefanie Zweig
Machen Sie von sich reden. Stehen Sie in Ihrer ganz persönlichen Glamour-Rolle im Mittelpunkt. Diese Aufforderung, die dem Zeitgeschmack so total entspricht wie der Gebrauch des Konjunktivs in Verhandlungen mit aufsässigen Babys und schlecht aufgelegten Hauskatern, fand ich in einer Frauenzeitschrift. Die versucht seit jeher, den Frauen klarzumachen, wie falsch es ist, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Mauerblümchen werden ja weder vom Lebenspartner noch den Kindern und schon gar nicht von den Arbeitskollegen und dem Chef so richtig geschätzt. Bestimmt werden auch im Himmel Leute wie Heidi und Seal und Paris Hilton, die schon depressiv werden, wenn Nachbars Hund sie nicht erkennt, besser entlohnt als du und ich und die kleine graue Maus aus Kötschenbroda.
Gerade entdeckt die Modeindustrie aufs Neue, wie sehr sich Glanz auszahlt. Pailletten auf dem Kleid und Goldstaub auf der Wange werden selbst denen empfohlen, die sich gelangweilt abwenden, wenn die Reichen und Schönen über den roten Teppich schreiten. Dass man heute allerdings nur im Sterntaler-Look oder mit Silberschalen für die Fritten Furore machen kann, haben sogar Spatzenhirne registriert. Jedoch wer bei der Selbstdarstellung nicht komplett neue Wege einschlägt, ist nach Recherchen moderner Lebensberater allenfalls eine halbe Portion Mensch. Für den Platz im Mittelpunkt muss jede Frau stärkeres Geschütz auffahren als Gewänder, die flächendeckend mit bunten Steinchen besetzt sind. Auch das Geschlecht, für das einst nur Muskelkraft, Aggressivität und Sturheit zählte, braucht heute Mut zum Besonderen.
Am schwierigsten ist es, überhaupt wahrgenommen zu werden, bedenkt man, dass wir in einer Zeit leben, in der überproportional viele Leute dazu neigen, sich ausschließlich mit der Person zu befassen, die ihnen aus dem Spiegel entgegenglotzt. Andererseits gibt es viel mehr Möglichkeiten als früher, um zu beweisen, dass man einmalig ist. Ein Prachtkerl oder die Klassefrau bestehen im Sternelokal auf die gewohnte Anti-Stress-Diät – Bananen, Rote Beete und Kartoffeln. Effektiv ist es auch, in Bussen und Bahnen über die langen Lieferfristen von Rolls Royce zu klagen. Auch Eltern, die öffentlich fordern, dass der Staat ihr chinesisches Kindermädchen bezuschusst, sind auf gutem Selbstbehauptungsweg. Vorstellbar ist auch das Ehepaar, das auf Partys erzählt, es werde für die bevorstehende Scheidung seine Seelenkraft in einem Iglu tanken. Allerdings sollte es kein gewöhnliches Iglu sein, sondern eines mit Butler und mehrsprachig bellenden Huskys. Leider ist derzeit nicht vorstellbar, dass die gute alte Bescheidenheit wieder gefragt wird. Menschen, die lieber in Frieden leben wollen als im Mittelpunkt, sind ja so out wie Wollgamaschen und Stofftaschentücher.
Die Erfolgsautorin Stefanie Zweig ("Die Kinder der Rothschildallee", "Das Haus in der Rothschildallee", "Heimkehr in die Rothschildallee", "Nirgendwo in Afrika", "Am Sonntag kommt das Enkelkind") lebt in Frankfurt.
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