Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 24.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Sitzt, passt, wackelt und hat Luft: Maßgeschneiderte Kleidung
Bluse, Hose und Jackett von der Stange sitzt oft nicht richtig. Eine passgenaue Alternative dazu kann Maßkleidung sein. Die richtige Beratung ist dabei enorm wichtig.
Von Cornelia Wolter
Essen. Abiturball, Hochzeit oder 50. Geburtstag: Es gibt Tage im Leben, die Menschen festlich und angemessen begehen möchten. Und das darf etwas kosten - vor allem das passende Outfit. Solche Anlässe nehmen selbst Modemuffel wahr und lassen sich etwas Besonderes passgenau schneidern. "Es ist eine tolle Erfahrung, zu erleben, wie etwas Schönes aus einem Stück Stoff entsteht", sagt Erika Ortkemper, Vorsitzende des Bundesverbandes des Maßschneiderhandwerks in Essen.
Blazer, Sakkos, Hosen und Kleider - anfertigen lassen kann man sich alles, das perfekt sitzen soll. Das gilt besonders für Menschen mit einer nicht durchschnittlichen Figur - etwa Frauen, die eine A- oder V-förmige Körperform haben, oder Männer, die sehr lange Arme haben oder sehr groß sind. "Auch wer einen dominierenden Modetrend nicht mitmachen möchte, etwa Karotten- oder Röhrenschnitte bei Hosen, kann sich mit Maßgeschneidertem behelfen", erklärt Silke Gerloff, Stilberaterin aus Frankfurt am Main.
Entscheidend ist hier die Beratung. "Ein guter Schneider muss ein Gespür für Farben und Designs haben, aber auch kompetenter Stilberater sein, der sieht, wem was steht", erklärt Ortkemper. Um die eigenen Wünsche möglichst genau zu demonstrieren, sei es - ähnlich wie beim Friseur - hilfreich, dem Schneider ein Bild oder einen Zeitungsausschnitt des Stücks zur Besprechung mitzubringen.
Doch das sollte nur ein Anhaltspunkt sein - abkupfern von berühmten Designern sollte man nicht, findet Ortkemper. "Das würde auch gar nicht funktionieren, denn wenn eine Frau nicht Konfektionsgröße 36 hat oder vielleicht klein ist, wird sie in dem Kleid eben nicht aussehen wie die berühmte Schauspielerin aus der Zeitschrift oder das langbeinige Topmodel", erklärt sie. Bilder können als Vorlage nützlich sein, die individuellen Empfehlungen sollte dann der Maßschneider geben.
"Manche Schneider haben auch Maßkonfektionen, die sie an die Figur des jeweiligen Käufers anpassen", erklärt Gerloff. Besonders bei Herrenanzügen oder Businessgarderoben im Allgemeinen ist diese Art der Maßschneiderei verbreitet. Darüber hinaus gibt es auch Edelschneider für Herrenanzüge. "Beste Nähte, perfekte Passform und hervorragendes Material zeichnen diese Unikate aus, deren Preis dann aber auch vierstellig ist", weiß die Modeexpertin.
Wer sich entschließt, etwas Besonderes von Hand anfertigen zu lassen, sollte am Material nicht sparen. "Ein hochwertiger Stoff ist entscheidend, damit man lange Freude an dem Stück hat", erklärt Gerloff. Ist ein Schneider zu billig, sei das meist kein gutes Zeichen für die Qualität.
Wer sich nur einmalig oder selten etwas schneidern lässt, sollte einen Klassiker wie einen eleganten Mantel oder ein schlichtes Kleid in Auftrag geben, rät die Schneiderin Manuela Lill aus Holzgerlingen (Baden-Württemberg). "Sie sitzen dann perfekt, sind individuell und man kann sie mit Accessoires wie Federschmuck modisch aufwerten."
Kleidungsstück mit Erinnerungswert
Und nicht immer müsse man sich etwas neu anfertigen lassen: Auch mit vom Fachmann gemachten Änderungen an alten Stücken lässt sich ein Effekt erzielen. Etwa wenn der Schneider die Schultern bei einem Blazer schmaler macht oder Röcke verlängert oder kürzt. "Manchmal kommen auch Frauen zu mir, die sich beispielsweise als Erinnerung aus einem alten Kleidungsstück der Großmutter eine schöne, moderne Bluse schneidern lassen wollen", sagt Lill.
Ein guter Schneider sollte zwar kreativ sein und eigene Vorschläge machen, dabei aber die Wünsche der Kunden nicht aus den Augen verlieren. "Es ist deshalb sinnvoll, ein Auftragsprotokoll erstellen zu lassen", sagt Gerloff. In diesem werden die wichtigsten Vorstellungen und Wünsche wie Schnitt, Stoff und Farbe festgehalten.
Darüber hinaus sollte man auf die Ausbildung des Schneiders Wert legen, rät Ortkemper. So sollte dieser am besten sogar eine Meisterausbildung haben - Schneidermeister kennen Schnittmuster und wissen, wie Nähte beschaffen sind und Stoffe fallen. Wer dagegen etwa ausschließlich Design studiert und das Schneiderhandwerk nicht gelernt hat, könne womöglich seine eigenen Entwürfe gar nicht umsetzen.
Im Durchschnitt fallen zwei Anproben an. Bei kniffligen Schnitten oder außergewöhnlichen Figurtypen können auch mehrere Termine nötig sein. "Die Sachen werden so oft anprobiert, bis sie richtig sitzen", empfiehlt Ortkemper. Bei sehr teurem Stoff werde erst ein Zuschnitt aus Nesselstoff erstellt, ehe es an das richtige Teil, etwa aus edlem Pailletten- oder feinem Spitzenstoff, geht.
Einlaufen unwahrscheinlich
Angst, dass solche Stoffe später in der Waschmaschine einlaufen, brauche man bei vom Schneider gefertigten Stücken nicht haben, versichert Erika Ortkemper vom Bundesverband des Maßschneiderhandwerks. Da es sich meist um hochwertige Stoffe handelt, die nicht in der Waschmaschine, sondern in der Reinigung gewaschen werden, sei ein Einlaufen oder Ausleiern unwahrscheinlich. Und wenn ein Teil aus Baumwolle gefertigt ist, werde der Stoff in der Regel vom Profi bereits vor dem Zuschnitt gewaschen. Wer daher ein fertiges Stück nach dem Kauf reklamieren möchte, braucht triftige Gründe. "Bestehen allerdings berechtigte Mängel, gelten die gleichen gesetzlichen Regelungen für Reklamationen wie bei Kleidungsstücken von der Stange", sagt Ortkemper.
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