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Das Universum spüren
Der „funktionell blinde“ Handbiker Stefan Junker
Das große Feld beim Start vor der Messe. Foto: dpa
Von Jörg Daniels
Im Duett mit seiner Nichte als Schrittmacherin sorgt der 45-Jährige für ein absolutes Novum beim Stadt-Marathon.
Frankfurt. Und plötzlich kommt eine junge Radfahrerin auf einem Fahrrad für Jungen allein auf das Ziel zugefahren. Zumindest sieht das von weitem so aus. Denn Stefan Junker direkt hinter ihr ist zunächst nicht zu erkennen. Der 45 Jahre alte Handbiker aus der Nähe von Aschaffenburg arbeitet mit beiden Armen und mit Hochdruck gewissermaßen im Verborgenen. Doch der eine kann beim Frankfurt Marathon nicht ohne den anderen. Junker ist «funktionell blind», wie er es ausdrückt. Er nimmt nur hell oder dunkel war.
Und deshalb ist der 45-Jährige auf seine 18 Jahre alte Nichte Bianca angewiesen. Sie fährt vorne weg – ohne dabei jedoch die Tempo-Schrittmacherin zu sein. Nur die Richtung gibt sie vor, mit Ansagen wie lang gezogene oder scharfe Kurve. Oder sie spricht von einer 90-Grad-Kurve. Beide verbindet bei ihrem sportlichen Zusammenspiel eine Stangenspezialkonstruktion.
«Die Pilotin muss den gleichen Rhythmus wie ich haben. Von Ziehen und Schieben kann keine Rede sein», sagt Junker. «Die Zusammenarbeit ist deshalb sehr wichtig.» Es ist sein erstes Rennen dieser Art im «Gleichschritt». Und er hat seine Teilnahme nicht bereut. «Das Uni-versum ist zu spüren.»
Während der 31,74 Kilometer, die Stefan Junker auf einem normalen Handbike in einer Stunde und 32 Minuten hinter sich brachte, verspürte er ein «Freiheitsgefühl». Schon nach einer Runde und 4,6 Kilometern entwickelte Junker ein Feingefühl für den Kurs und seine Tücken. Wenn der Mann mit der dunklen Sportlerbrille einen anderen Teilnehmer überholte oder er überholt wurde, hörte Junker das am Geräusch der vorbeifahrenden Reifen. Dass er ein besonderer Starter in dem Feld war, konnten seine Konkurrenten von hinten sehen. Auf der Rückseite des Handbikes waren drei schwarze Punkte auf gelbem Untergrund angebracht.
«Ein blinder Handbiker ist ein absolutes Novum», so der Ressortleiter Handbike, Uwe Herrmann. Beinahe wäre es zu der Premiere im Starterfeld gar nicht gekommen. «Das hat uns viel Kopfzerbrechen bereitet. Wir waren mit der Situation erst mal überfordert.» Erst als klar war, dass die Nichte von Junker als Pilotin vorneweg fährt, erteilte Herrmann mit seinen Kollegen die Starterlaubnis.
Unter Wettkampfbedingungen zu fahren, war Stefan Junker bisher nicht gewohnt. Es wird aber nicht sein letztes Rennen zusammen mit seiner Nichte Bianca gewesen sein. Seine Mutter scheidet als diejenige aus, die die Richtung auf dem Asphalt vorgibt. Sie war zunächst mit eingeplant, ist nach 700 Trainingskilometern aber ausgestiegen.


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