Demonstrieren! Oder nicht?

Schadet die heutige Großdemo am Flughafen der Wirtschaftskraft unserer Region?

Bis zu 10 000 Fluglärmgegner werden heute im Terminal 1 zur Großdemonstration erwartet. Erstmals reisen auch Lärmgeschädigte aus anderen Städten der Republik an. Wirtschaftsverbände kritisieren hingegen den massiven Protest und fürchten bei Einschränkung des Flugbetriebes Arbeitsplatzverluste.

Frankfurt. Volker Hartmann (63) aus Oberrad: „Der Flughafen ist zu groß und ist mit der Nordwestbahn lärmmäßig nach Frankfurt hinein gewachsen.“ Fotos: Weis (3), Reuß (1) Für Volker Hartmann ist die Sache klar: Der Flughafen muss zwar nicht komplett verschwinden, aber so geht es auch nicht weiter. "Das kann nicht so bleiben. Wir brauchen einen Verkehrsflughafen für die Region, nicht länger ein Drehkreuz für Europa. Dafür ist diese Gegend einfach zu dicht besiedelt", meint der 63-Jährige.

Der Oberräder Hartmann ist nicht alleine mit seiner Meinung – Tausende in den südlichen Stadtteilen von Frankfurt denken ebenso. Circa 10 000 Lärmgeschädigte werden heute ab 12 Uhr am Flughafen im Terminal 1 erwartet. Sie wollen ihrem Ärger Luft machen. Viele gehen in ihren Vorstellungen aber noch wesentlich weiter als Hartmann – die neue Landebahn muss wieder weg. Das ist für sie so sicher wie das Amen in der Kirche.

Viele Arbeitsplätze

Ganz anders sieht das der CDU-Abgeordnete Walter Arnold. Der wies in dieser Woche im Landtag darauf hin, dass dank der neuen Landebahn 70 000 bestehende Arbeitsplätze gesichert und bis zu 42 000 neue am Flughafen und in der Umgebung geschaffen werden könnten. Das ist auch die Meinung vieler Unternehmer im Rhein-Main-Gebiet. Sie fürchten um die Wirtschaftskraft der Region.

Am Ausbau des Flughafens scheiden sich nunmal die Geister. Jobmotor oder Lärmmaschine? Je nach eigener Sichtweise wird hier gewertet. Emotional aufgeheizt ist die Debatte ohnehin. Die Politik schüttet auf Stimmenfang für die Oberbürgermeisterwahl quasi weiteres Kerosin in die Triebwerke der Protestbewegung. Da verspricht die Grünen-Kandidatin die Schließung der Landebahn, der SPD-Mann laviert sich mit einem "unbedingten" Nachtflugverbot aus dem Schlamassel und der CDU-Mann spricht mit zwei Seelen in seiner Brust – als Minister klagt er gegen, als OB-Kandidat fordert er das absolute Nachtflugverbot. Verdrehte Welt.

7000 Flugbewegungen

Das registriert auch der 63-jährige Hartmann. "Erstaunlich, dass die Politiker erst jetzt reagieren. Eigentlich war doch alles absehbar. Bei Ostbetrieb kamen die Maschinen früher nur beim Start an Oberrad vorbei. Das waren rund 30 Prozent der Tage im Monat – etwa 2000 Flugbewegungen. Jetzt, mit der Nordwestbahn, sind wir immer dabei, auch bei Westbetrieb. Also jeden Tag. Im Dezember etwa hatten wir 7000 Flugbewegungen. Das zehrt auf Dauer an den Nerven . . ."tjs, b.toLesen Sie weiter: Darum gehen wir heute zum FlughafenProfessor Ernst-Heinrich Scheuermann (67), Sachsenhausen: "Ich leide selbst unter dem Fluglärm und sehe es als meine Pflicht als Arzt an, dagegen zu kämpfen. Fluglärm ist ein heimtückisches Umweltgift, das seine Wirkung erst nach Jahrzehnten zeigt. Diese Bahn ist eine Katastrophe. Ich fordere die Stilllegung der Nordwestbahn so lange, bis seriöse Studien darüber vorliegen, welche Gesundheitsgefahren davon ausgehen. Die Politiker müssen klar sagen, wie viele zusätzliche Tote sie in Kauf zu nehmen bereit sind für die Arbeitsplätze. So machen wir das in der Medizin auch: Ziel definieren, Kosten ermitteln, Entscheidung treffen." Petra Schmidt (47), Mörfelden-Walldorf: "Die Grenzen des Wachstums sind längst erreicht und überschritten. Wir haben ein Klimaproblem, darüber redet beim Flugverkehr keiner. Ich demonstriere, weil ich daran erinnern will, dass der Bannwald gefallen ist, ein Musterbeispiel dafür, wie der Landtag den Begriff Gemeinwohl für die wirtschaftlichen Interessen von Fraport umdefiniert hat. Wir müssen denen Grenzen setzen – räumlich, am besten durch Schließen der Nordwestbahn und bei den Flugbewegungen, die am besten auf 300 000 pro Jahr reduziert werden sollten. Sowie damit einhergehend beim Fluglärm und den Schadstoffen. " Carola Gottas (30) aus Flörsheim: "Ich demonstriere, weil ich für die Stilllegung der Nordwestbahn bin. Dieses Ziel ist nicht so unrealistisch. Man denke an den Schnellen Brüter, der fix und fertig war, an Wackersdorf und andere Großprojekte. Das Mobilitätskonzept der Vielfliegerei ist falsch und führt in die Sackgasse. Es kann nicht sein, dass ein Bahnticket von Mainz nach Hanau teurer ist als mancher Inlandsflug. Ich bin nicht absolut gegen das Fliegen. Aber es ist viel zu selbstverständlich und viel zu günstig geworden. Das muss reduziert werden. Wir wollen nicht, dass Frankfurt entlastet wird, wenn dafür die Leute in Köln mehr Flugverkehr bekommen."

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