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"Der mobile Kunde kauft woanders"
Oberrad debattiert über die Größe eines geplanten Supermarkts – Der Vorsitzende des Gewerbevereins warnt vor einem Überangebot
Hermann Schöninger (52) leitet seit 2006 die Geschicke des gut 40 Geschäfte zählenden Gewerbevereins Oberrad. FNP-Mitarbeiter Mirco Overländer unterhielt sich mit dem Einzelhandels-Fachmann über den geplanten Supermarktneubau sowie die Nöte und Bedürfnisse der Oberräder Gewerbetreibenden.
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Hermann SchöningerHerr Schöninger, Ortsvorsteher Christian Becker (CDU) findet, in Oberrad gebe es genug Bedarf für einen Supermarkt mit einer Ladenfläche von 1600 Quadratmetern. Was halten Sie von dieser Aussage?
HERMANN SCHÖNINGER: Der Bedarf an einem Discounter ist sicher da. Aber nicht in dieser Größenordnung. Ein Supermarkt dieser Größe würde ein Überangebot erzeugen. Das wäre ein großes Problem für den unternehmergeführten Einzelhandel. Wir haben hier Schuster, Bäcker und Metzger, deren Absatz durch einen Vollsortimenter womöglich stark gefährdet wäre. Leider habe ich mit Herrn Becker noch nicht darüber gesprochen, obwohl wir uns sonst sehr gut verstehen. Aus diesem Grund werde ich mich demnächst mit ihm über dieses Thema unterhalten.
Würde sich denn ein kleinerer, von der SPD geforderter, Discounter mit einer Verkaufsfläche von unter 1000 Quadratmetern überhaupt rentieren?
SCHÖNINGER: Ein kleiner Discounter würde aus meiner Sicht schon sinnvoll sein. Schließlich gab es hier bis vor einigen Jahren neben dem Rewe auch einen kleinen Penny-Markt. Seit dort aber der Getränkemarkt drin ist, ist die Auswahl natürlich nicht mehr so groß. Von einem kleinen Geschäft mit 800 Quadratmetern Verkaufsfläche und dessen Zulauf würden auch die umliegenden Läden profitieren. Je kleiner der Markt wäre, umso mehr Fläche wäre zudem für Parkplätze und weitere Geschäfte vorhanden. Ein zu großer Markt würde uns niedergelassene Geschäftsbetreiber empfindlich treffen. Daher schließe ich mich der Meinung der SPD an.
Wie ist es insgesamt um die Oberräder Einzelhandelsstruktur bestellt?
SCHÖNINGER: Wir könnten hier schon etwas mehr Angebotsvielfalt haben. Die Grundversorgung ist zwar gesichert. Aber gleichzeitig gibt es auch einige leerstehende Geschäfte. Wir waren deshalb auch schon mit der städtischen Wirtschaftsförderung im Gespräch. Denn es gibt hier viele junge Gewerbetreibende, die bezahlbare Räume suchen. Aber da muss auch der Kundenzulauf stimmen. Damit sich solche Geschäfte etablieren, sind auch auf Seiten der Vermieter langfristiges Denken und realistische Mieten gefragt.
Gerade kleinere Stadtteile sind stark vom Ladensterben betroffen. Fehlt den Kunden der Wille oder das Geld, um die örtlichen Geschäfte zu unterstützen?
SCHÖNINGER: Der Wille ist schon da, das Geld bei vielen Kunden auch. Das große Problem ist die Berufstätigkeit der meisten Oberräder. Die gehen lieber dort einkaufen, wo sie auch arbeiten. Und in der Innenstadt gibt es die richtig großen Geschäfte und Ladenzentren. Hier gibt es hingegen nicht einmal ein Spielzeuggeschäft oder eine Herrenboutique. So kommt es, dass in Oberrad vornehmlich ältere Leute einkaufen gehen, die auf eine gute Nahversorgung angewiesen sind, während sich die mobilere Kundschaft andernorts versorgt.
Welche Geschäfte fehlen denn in Oberrad und worauf könnte der Stadtteil verzichten?
SCHÖNINGER: Auf manche Geschäfte im extremen Niedrigpreissegment könnte man schon verzichten. Uns fehlt zum Beispiel ein Fischgeschäft, eine Weinhandlung oder ein Käsefachgeschäft. Darauf werde ich auch von meinen Kunden immer mal wieder angesprochen. Jeden Donnerstag kommt ein Fischhändler auf die Offenbacher Landstraße. Die Frage wäre aber, ob der davon leben könnte, hier die ganze Woche über zu stehen. Das gleiche gilt für Fachgeschäfte, die keine Lebensmittel anbieten. Wenn so ein Geschäft hier aufmacht und kurz danach wieder schließen muss, wäre das sicher sehr bitter für den Betreiber.
Sie betreiben selbst eine Bäckerei an der Offenbacher Landstraße. Wie hat sich Ihr Geschäft in den vergangenen Jahren entwickelt?
SCHÖNINGER: In unserem Fall hat sich das Geschäft in den vergangenen Jahren recht gut entwickelt. Brot ist eben ein Grundnahrungsmittel und wird immer gebraucht. Zudem haben wir wenig Konkurrenz vor Ort. Das könnte sich aber schnell ändern, wenn hier ein Riesen-Discounter mit angeschlossener Bäckerei und Frischetheke aufmacht.
Wären Sie ohne treue Stammkundschaft überhaupt überlebensfähig?
SCHÖNINGER: Ohne Stammkundschaft ging hier nichts. Da spreche ich für alle Geschäfte auf der Offenbacher Landstraße. Nur mit Laufkundschaft wäre das für die ortsansässigen Einzelhändler in dieser Gegend binnen kürzester Zeit der sichere Tod.
Wie sähe ein Lösungsansatz der von Ihnen skizzierten Probleme aus?
SCHÖNINGER: Auf diese Probleme eine passende Lösung zu finden, ist sehr schwierig: Die Waren sind andernorts ja auch nicht weniger frisch, der Service stimmt dort auch. Das Einzige, mit dem wir Oberräder punkten können, ist der persönliche Kontakt zu unseren Kunden und die nicht vorhandene Anonymität der Großstadt. Das ist sicher ein Standortvorteil, hilft aber auch nicht viel, wenn die Leute trotzdem außerhalb einkaufen gehen.
Abgesehen vom geplanten Supermarkt wirft auch die neue Mainbrücke zwischen Oberrad und dem Ostend ihre Schatten voraus. Fürchten Sie zusätzliche Konkurrenz durch die vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten rund ums Honselldreieck?
SCHÖNINGER: Wenn der Weg ins Ostend kürzer ist, glaube ich tatsächlich, dass einige Leute verstärkt dorthin fahren werden. Für unsere Stammklientel ist das aber keine wirkliche Option. Oberrad ist ein Stadtteil mit relativ hoher Überalterung. Hier sind viele Leute auf eine gute Nahversorgung angewiesen. Daher wäre es auf lange Sicht problematischer für uns, wenn wir hier keinen Frequenzbringer bekämen, sondern einen Vollsortimenter in der Größe, die uns Einzelhändlern das Wasser abgräbt.



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