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Facebook im echten Leben
Aus dem Internet mitten auf die Zeil – soziales Netzwerk wird zum realen Netzwerk
Mehr als 750 Millionen Menschen nutzen Facebook, die Hälfte davon loggt sich täglich ein. Doch was passiert, wenn das soziale Netzwerk auf einmal Teil des echten Lebens wird?
Von Vivian Hartmann
Frankfurt. ![]()
Die jungen Redakteurinnen bei ihrer Aktion auf der Zeil. Foto: Sophie WienholdUm dies herauszufinden hat sich die Redaktion des Junge Zeitung Projektes an einem Abend auf die Zeil gestellt. Ausgestattet mit Plakaten, als reale Gegenstücke zu den virtuellen ,,Pinnwänden" bei Facebook. Natürlich durften auch die ,,Gefällt-mir-Buttons" nicht fehlen, in Form von Post-it‘s. Bei diesem Versuch, Facebook auf die Straße zu transportieren,, erlebten wir große Überraschungen: Auf der Fahrt zur Zeil beschriften wir unsere Plakate in der S-Bahn und tauschen uns aufgeregt über unsere Zweifel an der Aktion aus. Wird uns überhaupt jemand beachten? Werden die Menschen auf der Zeil mitmachen? Wenn ja – sind sie dann immer noch so mitteilungsfreudig wie im Internet?
Wir haben unsere Aktion noch nicht mal begonnen und laufen gerade von der B-Ebene der Hauptwache die Treppe hoch, da erkennt ein kleiner Junge in Jeans und weitem Sweatshirt schon unsere Idee. Ganz cool ruft er: ,,Ah, Facebook!", schlendert lässig zu uns rüber und stupst eine der jungen Redakteurinnen an. Mit einem ,,Ha ha, angestupst" verschwindet er wieder . . .
Auch auf unserem weiteren Weg ziehen wir neugierige Blicke auf uns. Wir starten an der Zeilgalerie. Das Schild kommt direkt an einen Baum. ,,Facebook into real life" – ,,Facebook ins echte Leben" steht darauf geschrieben. Schnell bildet sich eine Menschentraube um uns und eine Gruppe Mädchen mit Einkaufstüten in den Händen nähert sich. Eine von ihnen, in Leggins und engem Top sowie riesiger Sonnenbrille, bleibt stehen: "Guckt mal, Facebook", ruft sie ihren Freundinnen zu. Diese kommen tuschelnd zu uns. "Was macht ihr hier?", fragen sie.
Wir erklären ihnen unsere Aktion, dass sie ihren Status auf unsere "Pinnwand" schreiben können oder andere Status kommentieren oder auch "liken" (eingedeutschtes Wort vom englischen Verb "like" – mögen), also den "Gefällt-mir-Button" aufkleben können. Begeistert schnappt sich die erste einen Stift und schreibt eine Liebeserklärung auf Türkisch auf unsere Pappe. Jetzt trauen sich auch ihre Freundinnen und schreiben Sätze wie ,,Was laberscht Duuu?!" auf unsere Pappen.
Dann nähert sich uns eine Gruppe von jungen Männern. Fast übermütig wollen sie wissen, worum es geht und nach einer kurzen Instruktion ziehen sie sich zu einem Beratungskreis zusammen und sinnieren angeregt über mögliche Themen. Einem von ihnen, smart gekleidet in Polo-Shirt und Jeans, fällt auf einmal ein, dass sein Nachbar heute Geburtstag hat. Begeistert schnappt er sich ein Plakat und alle Jungs gratulieren ihrem Kumpanen mit Glückwünschen, welche der dann wiederum "liked".
Doch nicht nur junge Leute sind von unserer Aktion angetan. Ein Mitvierziger in brauner Cordhose und gestreiftem Hemd und Lederhut dreht sich entspannt eine Zigarette während wir ihm unseren Versuch erklären. Gemächlich nimmt er sich dann eine Pappe und schreibt: ,,Status only in real life!". Überzeugt von seiner Nachricht an die Welt stellt er sich dann noch eine ganze Weile zu uns und plaudert ein wenig mit uns. Facebook kenne er gar nicht, aber die Aktion finde er toll.
Schwer verliebt
Die Nächsten, die wir ansprechen, sind ein junges Pärchen. Etwas zögernd, aber doch interessiert hören sie uns zu und stimmen zu, etwas auf unsere Pinnwand zu schreiben. Nach kurzer Ratlosigkeit des Mädchens nimmt ihr Freund ihr behutsam den Stift aus der Hand und kritzelt auf unsere Pappe: ,,Wir sind das coolste Paar von allen". Lächelnd setzt sie noch ein Ausrufezeichen dahinter und dann schießen wir ein Foto von den beiden.
Die beiden sind nicht die Einzigen, die sich nicht scheuen, ihre privaten Angelegenheiten öffentlich zu machen – auch wenn es sich sogar richtig öffentlich anfühlt. Im Gegensatz zum Internet. Viele weitere Leute kommen zu uns, schreiben eigene Status auf oder kommentieren und "liken" andere, so dass wir mittlerweile eine sehr lange Papp-Pinnwand haben und alle Mädchen mehrere Plakate halten. Bald geht uns sogar die Pappe aus und eine von uns huscht zum Schuhhaus Hako nebenan. Dessen Mitarbeiter stellen uns freundlicherweise Pappe in Form von alten Schuh-Kartons zur Verfügung. Dadurch ermutigt hängen wir uns provokant unseren "Beziehungsstatus", ganz wie in Facebook, um den Hals. Auch diese Stati werden fröhlich "geliked" und kommentiert, die Leute fangen sogar an, die "Gefällt-mir-Buttons" auf uns selbst zu kleben, je nach Sympathie quasi. Fröhlich und lustig wird alles geliked und kommentiert, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Sei es das T-Shirt eines Freundes oder die Frisur einer vorbeigehenden Dame, welche wider Erwarten geschmeichelt lächelt, anstatt sich wütend den Zettel aus den Haaren zu fummeln.
Überwältigt von der um uns entstandenen Euphorie rücken wir erschöpft, aber glücklich zusammen für ein letztes Gruppenfoto und beenden den Tag mit der Erkenntnis, Facebook ist echtes Leben, nur online.



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