Jets vermiesen uns die Arbeit

Seit Eröffnung der Landebahn fürchtet die Firma Reutlinger, das Außengelände nicht mehr nutzen zu können

Fluglärm setzt nicht nur Anwohnern, sondern auch Arbeitnehmern zu. Besonders hart ist ein Betrieb betroffen, dessen Mitarbeiter das großzügige Außengelände zum Arbeiten und Ausruhen nutzen.

Sachsenhausen/Oberrad. Sorgenvoll schaut Verena Reutlinger-Heubner in den Himmel: Fluglärm drückt aufs Betriebsklima F: mwe Seit Gründung der Firma Reutlinger im Jahr 1861 hat sich das Unternehmen auf die Fertigung von Drahtseilhaltern, Schlüsselanhängern und sogenannten Abhängsystemen spezialisiert. Da die 70 Mitarbeiter des Unternehmens nicht nur Präzisions-, sondern auch Kreativarbeit leisten müssen, genießen sie mit dem Segen der Geschäftsführung seit 1991 einige Privilegien. In den Pausen können die Arbeitnehmer Tischfußball oder Billard spielen, sie werden mittags bekocht und dürfen ihre Büroarbeit dank Laptop bei gutem Wetter auch im Freien verrichten.

Doch mit der Nutzung des firmeneigenen Außengeländes ist aufgrund des stark gestiegenen Fluglärms wohl Schluss, fürchtet Prokuristin Verena Reutlinger-Heubner (61). Sie klagt als Mitglied der Geschäftsführung darüber, dass Stadt und Land mit zweierlei Maß messen, wenn es um die Interessen der Fraport geht. "Bei uns im Betrieb ist bei einer Lärmbelastung von 53 Dezibel Feierabend, und unseren Sprinter müssen wir verkaufen, weil er keine grüne Umweltplakette bekommt. Gleichzeitig rieseln Lärm und Schadstoffe von oben auf uns hernieder", sagt Verena Reutlinger-Heubner, für die der Betrieb der neuen Landebahn eine "Schizophrenie der Gesetzgebung" ist.

Keine Messungen

Die Prokuristin, unter deren Führung Konferenzen des Familienunternehmens im Sommer auch schon mal auf der Terrasse sind, moniert ferner, dass es nicht eine Schadstoff-Messstation im Süden Sachsenhausens gibt. "Die Ermittlung solcher Messdaten ist auch Aufgabe der Stadt, die auch Anteilseigner der Fraport ist", sagt Reutlinger-Heubner.

Christian Becker, Vorsteher des Ortsbeirats 5 (Oberrad, Sachsenhausen, Niederrad), pflichtet der Unternehmerin in allen angesprochenen Punkten bei. So verweist Becker auf die nächste Sitzung des Stadtteilparlaments, in der gleich mehrere Anträge zur Debatte stehen werden, die sich für die Einrichtung von Schadstoff-Messstationen aussprechen. "Ich halte diese Messungen für sinnvoll", sagt Becker. Es könne nicht sein, dass wirtschaftliche Interessen über das Wohl der Anwohner gestellt werden. Es müsse schnellstmöglich ein Ausgleich geschaffen werden, fordert der Ortsvorsteher, für den feststeht, dass "die einzige Möglichkeit darin besteht, die Flugrouten weiter nach Süden zu verlagern."

Stadt will messen

Klaus Wichert, der Leiter des Umweltamts, hat Verständnis für die einhellige Forderung nach zusätzlichen und unabhängigen Emissions-Messungen. "Wir haben das Land gebeten, den früheren Standort wieder in Betrieb zu nehmen. Unabhängig davon überlegen wir, auch eigene Messungen vorzunehmen", sagt Wichert. Das Umweltamt spreche sich für nähere Messungen aus, da es lohnenswert sei, der bisher nur in Gutachten prognostizierten Emissions-Steigerung in nachprüfbaren Zahlen auf den Grund zu kommen.

Auch Verena Reutlinger-Heubner spricht sich dafür aus "dieses Thema wissenschaftlich anzugehen". Unabhängige Daten, die nicht aus dem Hause des Flughafen-Betreibers stammen, könnten zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen und würden helfen, gegebenenfalls konkrete Sanktionen gegen die Verunreiniger des Luftraums durchzusetzen. Ähnlich argumentiert ein Ortsbeirats-Antrag der Flughafenausbaugegner (FAG). Darin werden Unterlagen zum Planfeststellungsverfahren zitiert, laut denen sich der Ausstoß von Stickstoffoxid durch den Ausbau von derzeit 2900 Tonnen bis 2020 auf über 6000 Tonnen verdoppeln werde. Zudem sei der Grenzwert für Feinstaubbelastung 2011 an 42 Tagen überschritten worden. Der Grund dafür sei nicht die gehäufte Inversionswetterlage, sondern der Flug-Betrieb. mov

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