Mehr Schutz für Frauen auf dem Strich

Elvira Niesner macht sich für Prostituierte stark – im Interview spricht sie über deren größte Probleme

Der Straßenstrich an der Theodor-Heuss-Allee ist allgemein bekannt, über die Situation der Frauen dort wissen aber nur wenige Menschen Bescheid. Als Leiterin des Vereins "Frauenrecht ist Menschenrecht" (FIM) gehört Elvira Niesner zu denen, die sich beruflich mit der Situation der Prostituierten befassen. Dass die eher schlecht ist, führte sie im Gespräch mit Christian Scheh aus.

Elvira Niesner kann stundenlang über das Thema Straßenprostitution sprechen. Fotos: Martin WeisWoher stammen die Frauen auf dem Straßenstrich an der Heuss-Allee?

ELVIRA NIESNER: Die meisten Frauen kommen aus Rumänien oder Bulgarien. Es handelt sich überwiegend um junge Damen aus sogenannten Randgruppen, etwa um Roma-Frauen oder türkische Bulgarinnen. Der Großteil von ihnen hat im Herkunftsland in einfachsten Verhältnissen gelebt und viele Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Der Bildungsstand ist entsprechend niedrig, auch Analphabetinnen gibt es einige.

Arbeiten die Frauen für sich allein, oder ziehen Zuhälter die Strippen?

NIESNER: Die meisten Frauen arbeiten nicht für sich allein, sondern in Händlernetzwerken, die oft auch Freundschafts- oder Verwandtschaftsnetzwerke sind. Von diesen werden die Frauen an ihren Platz gebracht. Einzelne Zuhälter stehen häufig hinter einer Gruppe von vielleicht drei, vier Frauen. Auch weil die Prostituierten oft kaum Deutsch sprechen, können sie sich hier nicht selbst organisieren.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Zuhältern und den Prostituierten?

NIESNER: Man darf sich nicht vorstellen, dass es sich immer um ein klassisches Täter-Opfer-Verhältnis handelt. Meist sind die Zuhälter den Frauen bekannt. Soziale, emotionale oder verwandtschaftliche Verbindungen sind die Regel.

Wie sieht die Arbeitssituation der Frauen aus?

NIESNER: Die Frauen bedienen die Männer für sehr wenig Geld, manchmal schon für 30 Euro oder auch weniger, wenn der Druck seitens des Zuhälters groß genug ist. Weil der Straßenstrich ein unreguliertes Feld ist, machen sich menschenunwürdige Praktiken breit: Ausbeutung und Gewalt spielen eine große Rolle.

Wo leben die Prostituierten?

NIESNER: Soweit uns bekannt ist, leben die meisten Frauen mit dem Zuhälter und anderen Prostituierten in Wohnungen oder Zimmern. Eine eigene Wohnung können sie sich normalerweise nicht leisten.

Warum sind seit Mai so viele Frauen nach Frankfurt gekommen?

NIESNER: Dortmund hatte einen relativ bekannten Straßenstrich, ein klar abgegrenztes Gebiet, um das sich viele rumänische und bulgarische Familien niederließen. Der Strich wurde mit der Zeit aber immer attraktiver, so dass die Bedingungen – zum Beispiel im Hinblick auf die Hygiene – nicht mehr zu akzeptieren waren. Der Dortmunder Straßenstrich wurde am Ende geschlossen, worauf vor allem rumänische Frauen nach Frankfurt kamen.

Wie wirkte sich das in Frankfurt aus?

NIESNER: Es sind mehr Frauen auf dem Strich, und die Konkurrenz ist größer geworden. Daraus folgt natürlich die Angst, nicht genug Kunden zu bekommen. Außerdem haben die Rumäninnen aggressiver um die Freier geworben, indem sie sich sehr freizügig präsentierten.

Stimmt es, dass viele Prostituierte auf dem Straßenstrich in einem schlechten Gesundheitszustand sind?

NIESNER: Die Frauen aus Rumänien und Bulgarien wissen oft nicht, was eine übertragbare Geschlechtskrankheit ist. Sie haben keine Krankenversicherung und lassen sich in aller Regel nicht gesundheitlich kontrollieren. Das ist ein Problem, über das die Stadt bis jetzt zu wenig nachgedacht hat.

Wie ist die hygienische Situation an der Theodor-Heuss-Allee?

NIESNER: Sie ist katastrophal, weil es keine sanitären Anlagen gibt. Die Frauen haben in einer Nacht oft zahlreiche Kunden, aber keine Gelegenheit, sich zwischendurch mal zu waschen.

Welche Defizite sehen sie außerdem?

NIESNER: Zum Beispiel das Fehlen einer Freierkontrolle. Wir wissen aus unseren Gesprächen, dass die Frauen viel Gewalt erleben, dass es auch immer wieder zu Vergewaltigungen kommt. Die Freier fahren mit den Frauen irgendwohin, wo sie völlig freie Hand haben. Dagegen muss sich die Stadt etwas einfallen lassen.

Wie könnte die Stadt diesem Problem entgegenwirken?

NIESNER: Die Stadt müsste regulierend eingreifen und Rahmenbedingungen schaffen, die dem Schutz der Frauen dienen. Der Strich sollte kein offener, sondern ein bewirtschafteter Raum sein, vielleicht vergleichbar mit einem Bordell. Dort gibt es ja auch einen Betreiber, der zuständig ist. Ein bewirtschafteter und abgegrenzter Raum wäre nicht so anonym wie der jetzige Straßenstrich. Es wäre sogar denkbar, darin Kameras zu installieren, so dass auch mögliche gewalttätige Freier erfasst werden. Die Frauen könnten ihrer Tätigkeit menschenwürdiger nachgehen. Auch Sozialarbeit und Polizeikontrolle müsste es natürlich geben.

Wäre die Einrichtung eines solchen Straßenstrichs an der Theodor-Heuss-Allee überhaupt möglich?

NIESNER: Das lässt sich schwer sagen. Man müsste prüfen, ob die nötige Infrastruktur an der Theodor-Heuss-Allee geschaffen werden könnte.

Immerhin wurde dieses Jahr der Nachtbus, eine Anlaufstelle für Prostituierte, eingerichtet. Der Bus, der eigentlich ein Wohnmobil ist, wird von FIM und von der Frauenberatungsstelle betreut. Welche Funktion hat er?

NIESNER: Der Nachtbus dient dazu, den Kontakt zwischen uns und den Frauen herzustellen. Wir informieren sie darin zum Beispiel über Gesundheitsthemen. Außerdem unterstützen wir die Frauen, wenn sie Fragen haben, eine Beratungsstelle suchen oder aus der Prostitution aussteigen möchten. Der Bus ist montags bis freitags da. Besetzt ist er mit zwei Frauen, die Rumänisch und Bulgarisch sprechen und mit den Problemen der Prostituierten vertraut sind. Im Bus können sich die Frauen auch Kondome holen, etwas trinken oder etwas zum Essen kaufen.

Wird der Bus gut angenommen?

NIESNER: Ja, das kann man so sagen. Wir waren anfangs überrascht davon, dass die Kommunikation so gut lief.

Wie schwierig ist es für die Frauen, aus der Prostitution auszusteigen?

NIESNER: Sehr schwierig. Wir haben es mit Frauen zu tun, die weder einen Schulabschluss noch eine Berufsausbildung haben. Hinzu kommt die schlechte Arbeitsmarktsituation in Rumänien und Bulgarien. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatten wir in Frankfurt auch gut ausgebildete, russische Frauen auf dem Strich. Sie waren gekommen, weil sie mit ihren Berufen in der Heimat nicht mehr genug Geld verdienen konnten. Diese Frauen konnten mit ihrer Berufsbildung leichter aus der Prostitution aussteigen.

Wie beurteilen Sie die Bürgerbeschwerden aus der Kuhwaldsiedlung, die in der Nachbarschaft des Straßenstrichs liegt?

NIESNER: Einerseits kann ich die Beschwerden verstehen. Andererseits wäre es schlimm, wenn die Stadt ihr Handeln in Sachen Straßenstrich allein an den Bürgerinteressen ausrichten würde. Die Stadt muss auch etwas gegen die menschenunwürdigen Bedingungen unternehmen, unter denen sich die Straßenprostitution in Frankfurt vollzieht – und dafür werden wir uns mit aller Kraft einsetzen.

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