"Niemand erfriert in Frankfurt"

Jede Nacht geht der Kältebus auf Tour und bewahrt Obdachlose vor dem Tod

Über 2000 Menschen leben in Frankfurt auf der Straße – für viele von ihnen ist das jetzige Wetter absolut lebensbedrohlich. Minus zwölf Grad wurden in Frankfurt am Wochenende gemessen. Und die Kälte hält an. Doch es gibt hilfsbereite Menschen, die sich um die Bedürftigen kümmern.

Frankfurt. Sozialarbeiter David Harrison verteilt heißen Tee. Tagsüber ist es hundekalt. Nachts wird es unmenschlich – minus zwölf, minus 15 Grad. Dennoch müssen rund 2200 Menschen in Frankfurt sehen, wo sie nachts bleiben. So viele Wohnsitzlose gibt es hier. Inoffiziell. Denn es existiert keine verlässliche Statistik. Theoretisch könnten alle Obdachlosen in Frankfurt in Notübernachtungsstätten untergebracht werden. Theoretisch.

"Viele Obdachlose weigern sich, in die Unterkünfte zu gehen", weiß Heiko Ewald, Bereichsleiter des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten. Auf über 200 wird deren Zahl geschätzt – auch hier existieren keine exakten Statistiken.

Der Frankfurter Verein für soziale Wohnstätten stellt deswegen neben den "offiziellen" 160 Schlafplätzen in der Ostparkstraße mehr als hundert weitere in Zusammenarbeit mit der VGF in der B-Ebene der Hauptwache zur Verfügung.

Für die ganz harten Fälle, die sich partout weigern, Hilfe anzunehmen, schickt der Verein von November bis April den Kältebus durch die Stadt. Jede Nacht sorgen die Sozialarbeiter aufs Neue dafür, dass niemand in Frankfurt erfriert, und rüsten die Menschen, die auch im Winter im Freien schlafen wollen, mit dem Nötigsten aus.

Jede Nacht von 21 bis 5 Uhr

Die B-Ebene unter der Hauptwache wird zum Schlafsaal. Fotos: MeierDer Dienst für die Mitarbeiter des Frankfurter Vereins, die mit dem Kältebus unterwegs sind, beginnt mit der Besprechung in der Zentrale in der Ostparkstraße. David Harrison und Dietmar Blum bilden eines der Kältebus-Teams und bereiten sich im Büro auf ihren Dienst vor. "Haben wir genug Schlafsäcke und Isomatten?", fragt Harrison, während er durch einen dicken Ordner mit Listen und Aufträgen blättert. Dietmar Blum bejaht, es sei alles dabei. Der Bedarf an Schlafsäcken, Isomatten und Decken sei bei der anhaltenden Kälte enorm groß. Doch der Verein ist gut für die kalten Nächte ausgerüstet.

Vor und nach jeder Fahrt ist Papierkram zu erledigen. Praktisch jedes Ereignis wird dokumentiert, wo und zu welcher Uhrzeit Obdachlose im Freien angetroffen werden, wie sie versorgt sind und welche Maßnahmen ergriffen werden. Nach Möglichkeit werden die persönlichen Daten der Obdachlosen erfasst. Auch wenn die Mitarbeiter des Frankfurter Vereins erfahrene Streetworker sind, erleben sie dabei immer wieder Überraschungen mit ihrem schwierigen Klientel.

Der Kältebus fährt jede Nacht von 21 bis 5 Uhr auf seiner Route durch die Innenstadt. Wenn besorgte Bürger anrufen, kann die Fahrt aber auch bis nach Zeilsheim gehen. Letzte Woche hätte es zum Beispiel einen Fall an der Oberschweinstiege gegeben, erzählt Dietmar Blum.

Auf dem Weg ins Bahnhofsviertel gibt es schon den ersten außerplanmäßigen Stop in der Berliner Straße. Die aktuellen Aufträge, die über die Kältebusnummer (43 14 14) in der Zentrale eingehen, haben immer Vorrang. Ein Obdachloser hat sich seine Platte – so die Bezeichnung für den Schlafplatz eines Obdachlosen im Fachjargon – in einer windgeschützten Ecke eingerichtet.

Als die Kältebus-Mitarbeiter eintreffen, sind zwei Polizeibeamte zugegen und versuchen den etwa 40-jährigen Mann davon zu überzeugen, in der B-Ebene der Hauptwache sein Schlafquartier zu nehmen. "Die Polizei freut sich immer, wenn sie uns sieht und dass wir uns um diese Fälle kümmern", sagt David Harrison später. Harrison und Blum kommen bei dem Obdachlosen mit ihrer Überzeugungsarbeit jedoch auch nicht weiter.

Sie geben dem Mann einen heißen Tee und einen Snack. Das Thermometer zeigt schon zehn Grad minus, und es wären keine 300 Meter bis zum warmen Schlafplatz in der B-Ebene. Doch der Mann ist mit Schlafsack, Decken und Isomatten gut ausgerüstet. "Solange keine extreme Selbstgefährdung besteht, können wir niemanden zwingen", erklärt Dietmar Blum.

Harry braucht Hilfe

Auch bei Minusgraden schlafen Obdachlose im Freien. Fotos: MeierHarry ist da schon anders. Als der Kältebus in der Kaiserstraße stoppt, erkundigt er sich nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Seine Lebensgefährtin habe ihn vor kurzem rausgeworfen, und jetzt stehe der 71-Jährige mit seiner kleinen Rente auf der Straße. So geht es mit dem Kältebus zum Ostpark, wo Harry vorerst einen warmen Platz zum Schlafen findet.

"Wir erledigen das Wichtigste – und das ist, dass die Leute nicht sterben." Darum sorgen sich die Helfer vom Kältebus schon seit über zehn Jahren. Seitdem ist in Frankfurt kein Bedürftiger mehr erfroren. med

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