Nilgänse fressen die Kräuter-Samen

Das Federvieh plündert die Felder der Oberräder Grüne-Soße-Bauern

Nilgänse fühlen sich im Rhein-Main-Gebiet ausgesprochen wohl: Das Nahrungsangebot ist reichhaltig, und Fressfeinde sind nicht vorhanden. Und wie es scheint, wird die Grüne Soße, das Frankfurter Leibgericht, von den Gänsen bedroht.

Oberrad. Ein Fernglas ist hier unnötig: Die Anwesenheit von Rainer Schecker und Gerd Bauschmann stört diese freche Gänseschar nicht im Geringsten. Bevorzugt laben sich die vegetarischen Allesfresser an jungem Gemüse – ganz zum Leidwesen der Oberräder Landwirte. Foto/m: Rainer Rüffer Können ein paar Nilgänse so großen Appetit entwickeln, dass sie ganze Ernten vernichten? Für den Oberräder Gärtner Rainer Schecker ist das, was sich als Scherzfrage anhört, tägliche Realität: "Mir haben die Nilgänse jetzt den ganzen Winter über die Ernten komplett weggefressen", klagt Schecker.

Die Gänse hätten ihm nicht nur die Setzlinge seiner Kräuter für die Grüne Soße "komplett abgemäht", sondern auch fünf Hektar Weizen, die er stattdessen ausgesät habe. "Bei den Kräutern kostet ein Hektar Pflanzen einige Tausend Euro", rechnet er vor. Der Weizen schlage mit rund 2500 Euro pro Hektar zu Buche und werde für die Heuschreckenzucht ausgesät sowie als Grünfutter verwendet. Rainer Schecker, der wie seine elf Oberräder Kollegen von der Gänse-Invasion überrumpelt wurde, steht den gefiederten Räubern mit dem charakteristischen Augenfleck ratlos gegenüber: Schließlich seien da noch die Raben, "die sich gerne jedem braunen Salat-Setzling annehmen, unter dem sie einen Wurm vermuten und dabei die ganze Pflanze ausreißen", klagt der Oberräder Landwirt.

In den Mainauen tummeln sich an diesem Tag allerdings zunächst nur vier bis fünf der nimmersatten Nilgänse. Erst weiter weg stehen etwa zehn bis 15 weitere Artgenossen im Feld. "Heute scheinen sie gewusst zu haben, dass wir kommen", frotzelt Gerd Bauschmann von der Staatlichen Vogelschutzwarte. Für ihn ist die Ausbreitung der aus Nordafrika stammenden Tiere ein bekanntes Phänomen. "Die ersten Nilgänse sind hier 1986 aufgetaucht." Woher sie kamen, sei nach wie vor unklar. Zählungen zufolge gab es 2006 in Hessen etwa 100 Paare. Bis jetzt habe sich deren Zahl auf 500 bis 700 vervielfacht.

Reich gedeckter Teller

Die Landwirtschaft und die klimatische Situation im Rhein-Main-Gebiet schafft beste Voraussetzungen und günstige Nachfragebedingungen für die Tiere. "Man bezeichnet Nilgänse auch als vegetarische Allesfresser, was sie für die Landwirtschaft und den Gartenbau besonders ärgerlich macht", räumt der Fachmann ein. Hinzu komme, dass die Nilgänse nicht nur selbst genügend Nahrung fänden, sondern auch am Main, etwa an der Alten Brücke in Frankfurt oder der Offenbacher Carl-Ulrich-Brücke, von Spaziergängern gefüttert würden. Auch weil die Nilgänse in Frankfurt keinen natürlichen Fressfeind zu fürchten haben, hätten die Gärtner in Oberrad ein gewichtiges Problem, räumt Bauschmann ein.

Der Vogelexperte kann Rainer Schecker nur die Zusage geben, dass seine Vogelschutzwarte die Tiere im Auge behalten und beobachten werde, wo jene Tiere, die einen Ring an den Füßen tragen, herkommen. Denn manche der Nilgänse im Frankfurter Ostpark wurden bereits durch Mitarbeiter der Vogelschutzwarte beringt. Erst im vergangenen Jahr wurde die nimmersatte Spezies zum "jagdbaren Wild" erklärt. Doch deren Jagd ist nur zwischen Oktober und Mitte Januar erlaubt und sei in Siedlungsnähe ohnehin tabu.

Durch Knallkörper verjagt

Einige Tage später stellt sich heraus, warum gegen Ende der vergangenen Woche nur wenige Nilgänse in den Oberräder Gärten zu sehen waren: "Ein Kollege hatte sie die ganze Woche mit Knallkörpern und anderem Lärm vertrieben, so dass sie sich erst mal in Fechenheim niedergelassen haben", erzählt Schecker. Aber er beteuert auch, dass man sich um die Grüne Soße keine Sorgen machen müsse. Inzwischen sei er dazu übergegangen, die sieben Kräuter in Gewächshäusern anzubauen. "Und wenn bei einem ein Kraut fehlt, dann helfen wir Oberräder Gärtner uns auch untereinander aus."

Auf finanziellen Ausgleich seiner Ernteverluste wird Rainer Schecker vergeblich warten. Wie Klaus Hoppe vom städtischen Umweltamt erklärt, sei so etwas nur bei jagbarem Rotwild oder Tieren, die sich den Bauch in einem speziell ausgewiesenem Schutzgebiet laben, vorgesehen. Wie Kreislandwirt Matthias Mehl erklärt, gelten Nilgänse als sehr stoische und standorttreue Tiere. Mit einer simplen Vogelscheuche sei es da nicht getan. Mehl berichtet, dass die Gänse im vergangenen Jahr auch in Nieder-Erlenbach zuschlugen und zwei Hektar Kerbel abgefressen hätten. "Eigentlich müssten die Tiere intensiv bejagt werden", fordert Mehl, der das Thema in der vergangenen Woche während eines Dezernentengesprächs ansprach. Denn die Nilgänse sind nicht nur den Landwirten ein Dorn im Auge, sie verdrängen auch heimische Tiere wie die schüchternen Graugänse von den besten Fress- und Schlafplätzen.wyg

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