Politik kommt in der Bütt zu kurz

Die Kunst der Protokoller beherrschen nur noch wenige

Präsidenten-Chaos, Euro-Krise, OB-Wahlgetöse – in diesem Jahr gibt es viel, was Frankfurts Fastnachter auf die Schippe nehmen können. Aber das Protokoll übers aktuelle Geschehen ist fast so selten wie der Fastnachts-Nachwuchs.

Frankfurt. Liebt die Fastnacht und will bald große Reden halten: Rhetorik-Schüler Tim (14). Foto: dpa Ein tiefes Seufzen erfüllt den Clubraum 2 im Haus Dornbusch. "Das haben wir doch schon vor 14 Tagen gemacht", jammert einer der sieben erwachsenen Schüler, die sich hier in der Fastnachtsschule zum Kurs "Rhetorik" angemeldet haben. Doch Kursleiter Karl Oertl ist zwar nett und freundlich, aber auch unerbittlich – noch einmal müssen alle die Ankündigung des "Protokollers" üben. Dabei hat er Präsidenten von Frankfurter Fastnachtsvereinen vor sich, die sich hier auf ihre Sitzungen vorbereiten.

Die Sieben sind eine seltene Spezies. Die Protokoller unter den Fastnachtern werden rar, dem Politisch-Aktuellen nehmen sich unter den Narren nur wenige an. "Dabei ist die Fastnacht doch dafür gedacht, seinem Gebieter unter dem Schutze der Verkleidung die Meinung zu geigen", klagt auch Karl Oertl, mit seinen 72 Jahren und vielen Auftritten in der Bütt und Fernsehsitzungen das Protokoll-Urgestein am Main. "Einige kennen Karneval nur mit Suff und Schenkelklopfen. Aber das ist nicht so", sagt er. Das bewiesen auch Lars Reichow, der in der Inthronisationssitzung als scharfzüngiger Protokoller die versammelte Politikprominenz aufmischte, oder Ralf Sommerlad, der in der Jubiläumssitzung der Rödelheimer Goldenen Elf in seinem Protokoll die Affäre Wulff ebenso verarbeitete wie die nicht mehr vorhandene FDP.

Nichts Lokales

Seinen eigenen politischen Jahresrückblick aus närrischer Sicht hält Oertl am kommenden Samstag bei der "Schwarzen Elf" in Bergen-Enkheim. Und wie soll es anders sein, auch er beginnt mit dem Fall Wulff: "Man müsst‘ mal behutsam den seinen Intelligenzgrad erfragen", rät Oertl da und fordert die Abschaffung des Bundespräsidentenamts.

Oertl hat vor 20 Jahren die Fastnachtsschule gegründet. Im Auftrag des Großen Rats lehren er und seine Mitstreiter ab September mehrfach wöchentlich Büttenrede, Rhetorik und Körpersprache. Die Teilnahme kostet zwischen 60 und 100 Euro.

Zu Guttenberg, Euro-Krise, Atomausstieg sind weitere Themen in Oertls Protokoll. Die Frankfurter Politik lässt er trotz Wahlkampf um den Posten des Oberbürgermeisters außen vor. Aus zweierlei Gründen: Zum einen beginne der Wahlkampf ja erst recht so richtig – für den scharfzüngigen Kritiker zu kurzfristig, um sich ein Bild zu machen. Zum anderen könne eine überregionale Rede auch anderswo gehalten werden. "Ich verkaufe meine Reden auch nach außerhalb", verrät Oertl. In Frankfurt sei sein Protokoll aber nur von ihm zu hören. Gefragt sind Oertls Texte beispielsweise in Offenbach, weil die Narren dort die Mühe eines eigenen Protokolls scheuen. "Das ist wahnsinnig viel Arbeit und muss natürlich immer aktuell sein", bestätigt eine von Oertls Kursteilnehmerinnen. "Wenn die Eintracht am Samstag vor der Sitzung verliert, muss ich das noch schnell reinschreiben."

Diesen Stress hat Tim (14), der sich in Oertls Fastnachtsschule zum Kurs "Büttenreden" von Uwe Stephan angemeldet hat, noch nicht. Der Jüngste unter den Teilnehmern darf in dieser Kampagne erstmals in die Bütt. Nicht aber mit Politischem, sondern einem Loblied über Opas. Je länger der junge Mann seine Rede vorträgt – immer wieder korrigiert und verbessert von Stephan –, desto entspannter und sicherer wird er.

Die Jungen fehlen

Karl Oertl stand mit 27 Jahren zum ersten Mal hinterm närrischen Rednerpult, das Protokoll mit Niveau ist ihm seitdem eine Herzensangelegenheit. Egal, wie viel Arbeit das macht. Foto: ReußNachwuchs ist bei den Karnevalisten ebenso selten wie gern gesehen. Nur in wenigen Familien überträgt sich die Karnevalsbegeisterung auf die nächste Generation. Und wenn, dann wollen die Kinder meist nicht zum Reden, sondern zum Tanzen auf die Bühne. Das ist nur eines der Probleme, das für Sorgenfalten in den sonst meist lachenden Gesichtern der Vereinspräsidenten sorgt.

Ihre weiteren Kummerthemen heißen Fernsehen und Rauchverbot. Die Konkurrenz ist stark. 66 Karnevalsvereine und unzählige Fastnachtsveranstaltungen gibt es alleine in Frankfurt, dazu kommen die Sitzungen im Fernsehen. Die sind manchem lieber als vier Stunden Live-Sitzung im Saal eines Bürgerhauses, die auch wegen des Rauchverbots nicht mehr so gefragt sind. So richtig die Massen bewegen die Frankfurter deshalb erst die großen Umzüge in der Innenstadt und Heddernheim. Und dann wird es wenigstens auf den Motivwagen auch mal so richtig lokalpolitisch . . .dpa/ing

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