Polizistenfrust im Kneipenviertel

Beamte ärgern sich über zusätzliche Nachteinsätze in Alt-Sachsenhausen

Angespannte Stimmung bei der Polizei: Beamte beschweren sich über zusätzliche Einsätze in Alt-Sachsenhausen, berichten sogar von Streit in den Revieren. Die Gewerkschaft spricht von einer "Überbelastung" der Beamten, das Präsidium will sich zum Thema nicht äußern.

Frankfurt. Die Große Rittergasse in Alt-Sachsenhausen gehört vor allem am Wochenende zu den Einsatzschwerpunkten. Foto: Rüffer An Wochenenden verwandelt sich Frankfurt in eine Partyzone. Vom Ostend über die Innenstadt bis zum Bahnhofsviertel tummeln sich Feiernde in Discos, Kneipen und Clubs. Klar, dass dabei auch Alkohol im Spiel ist und handfester Streit nicht ausbleibt. Auch in Alt-Sachsenhausen wird "Party" gemacht, dass sich die Fachwerkbalken biegen. Für die Polizei ist das Kneipenviertel schon seit Jahren ein Einsatzschwerpunkt, angeblich hat sie ihre Präsenz dort im Jahr 2010 sogar verstärkt.

Jetzt machen Polizisten aus den Revieren der Frankfurter Direktion Süd ihrem Ärger Luft: Die offenbar stark belasteten Beamten stöhnen darüber, dass in den Nächten zu Samstagen, Sonntagen und Feiertagen mindestens acht Ordnungshüter ins Kneipenviertel geschickt werden. Zur Verfügung stellen müssten die zusätzlichen Polizisten die sechs südlichen Reviere. Die Frage, wer die unbeliebten Dienste von 21.30 bis 6.30 übernimmt, führe in den Dienststellen immer wieder zu "Diskussionen und Reibereien".

Zerstörte Wochenenden

Die Polizisten erzählen, dass sie im Schichtdienst nur ein Wochenende im Monat komplett frei hätten. "Dieses Wochenende wird uns aber regelmäßig versaut, weil die Einsätze in Alt-Sachsenhausen in der Nacht zum Samstag oder Sonntag stattfinden." Die Beamten im Schichtdienst müssen seit Einführung der 42-Stunden-Woche drei feste Zusatzdienste pro Monat machen. Sie berichten aber, dass wegen des Kneipenviertels manchmal "vier oder sogar fünf" zusammenkämen. "Da kommt man mit dem Privatleben nicht mehr hin."

Die Ordnungshüter aus dem Süden empfinden es als "ungerecht", dass sie die regelmäßigen Einsätze im Kneipenviertel "allein an der Backe" haben. Sind sie zu stark belastet? Der zuständige Direktionsleiter Lutz Wiese will sich auf Anfrage nicht zum Thema äußern. Auch Polizeisprecher Alexander Kießling betont, dass Fragen der Einsatzplanung "Interna" seien, über die keine Auskunft gegeben werde. Generell lasse sich lediglich sagen, dass bei der Frankfurter Polizei auf "eine gleichmäßige Verteilung" der Arbeitslast geachtet werde.

Überlastete Einsatzkräfte

Der Frankfurter Polizeigewerkschafter Wolfgang Link spricht hingegen von einer "Überbelastung der Polizisten". Es gebe hessenweit einen "eklatanten Personalmangel". Mit der Umstellung von der 38,5- auf die 42-Stunden-Woche habe die Landesregierung versucht, "Personalabbau durch Mehrstunden zu kompensieren". Dass die Nachtdienste im Kneipenviertel so unattraktiv seien, liege vermutlich aber auch am niedrigen Stundenzuschlag von 2,50 Euro: "25 Euro für zehn Stunden? Seien wir ehrlich, das ist der blanke Hohn!"

Links Aussagen erhalten im Hinblick auf den Frankfurter OB-Wahlkampf besondere Brisanz: Boris Rhein, der für die CDU antritt, ist als hessischer Innenminister für die Polizei zuständig. Erst Anfang der Woche sagte er, dass die hessische Polizei "personell besser aufgestellt (sei), als dies unter der rot-grünen Landesregierung je der Fall war".

Rhein betonte, dass das Land dieses Jahr 400 Polizisten einstelle. Seit September vergangenen Jahres verstärkten bis zu 100 Bereitschaftspolizisten dauerhaft die hessischen Präsidien. Außerdem laufe eine Sicherheitsoffensive mit dem Ziel, die Basisdienststellen zu entlasten und mehr Beamte auf die Straße zu bringen.

Die Polizisten aus dem Frankfurter Süden haben von zusätzlichen Kräften bislang nichts gemerkt: Einige Kollegen seien wegen der Einsätze in Sachsenhausen so demotiviert, dass sie auf Streifenfahrten nur noch "Dienst nach Vorschrift" machten: "Die fahren nur noch auf Hauptstraßen statt wirklich die Augen offenzuhalten."

Unzufriedene Führungskräfte

Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass auch Dienstgruppen- und Revierleiter mit der Organisation der Zusatzdienste im Kneipenviertel unzufrieden sind. Versuche, auf eine Änderung hinzuwirken, habe die Direktion Süd bis jetzt aber abgeblockt. Die Einsätze in Alt-Sachsenhausen seien "eine politische Sache", deshalb werde da nichts geändert, sagt ein Beamter. Er stellt zwar nicht in Frage, dass Zusatzkräfte im Viertel sinnvoll sind, so viele wie im Moment seien aber nicht nötig: "Manchmal steht man nur herum und langweilt sich." chc

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