Schuldenfrei in ein neues Leben

Caritas braucht ehrenamtliche Mitarbeiter, um pro Jahr rund 2000 Frankfurter mit Geldsorgen beraten zu können

Menschen mit Geldproblemen finden in der Schuldnerberatungsstelle der Caritas kostenlos Hilfe. Das Team sucht ehrenamtliche Verstärkung. FNP- Mitarbeiterin Julia Rösch sprach mit dem Leiter Martin Trautwein und den Beratern Dieter Korb und Erich Harbrecht über die tägliche Angst vor Rechnungen und roten Zahlen.

Erich Harbrecht, Martin Trautwein und Dieter Korb (v.l) schauen sich die Papiere der Schuldner an. Foto: WeisDie Sozialberatung für Schuldner zieht vom Mainkai in den Neubau in der Alten Mainzer Gasse. Warum die Vergrößerung?

MARTIN TRAUTWEIN: Ich falle mit ein paar Zahlen ins Haus: Wir beraten in der wöchentlichen offenen Sprechstunde 30 bis 50 Personen, insgesamt über 2000 Ratsuchende im Jahr. Außerdem stellen wir 600 Insolvenzanträge von jährlich 1400 in ganz Frankfurt.

Wie schaffen Sie das alles?

TRAUTWEIN: Das ist nur mit ehrenamtlicher Unterstützung zu bewältigen. Mittlerweile arbeiten hier 15 freiwillige Berater und fünf hauptamtliche. So können die Leute einmal in der Woche mit ihren nicht gezahlten Mieten, Rechnungen, Haftbefehlen zu uns kommen und kriegen schnelle Hilfe. In unseren neuen Räumen können wir das Angebot noch ausweiten. Und auch verschuldeten Menschen steht zu, in einem schicken, modernen Bürogebäude beraten zu werden. Das sind sie sich und uns wert. Sie sind keine Bittsteller.

Wie ist die Sozialberatung für Schuldner im Caritasverband entstanden?

TRAUTWEIN: In den 80er Jahren gründete der Schuldnerberater Bernd Sorge eine Einrichtung mit einer halben Stelle. Ich arbeitete damals als Anwalt. Die Nachfrage wurde größer, als die Insolvenzrechtsreform ins Haus stand. Sorge merkte: Allein packen wir das nicht und warb zwei Ehrenamtliche. Weitere kamen hinzu. Als ich 2002 eine Tochter bekam, schloss ich meine Kanzlei, wurde Leiter der Schuldnerberatung. Damals stellten wir das Ehrenamtkonzept auf eine breitere Basis.

Warum setzen sie so stark auf das ehrenamtliche Engagement?

TRAUTWEIN: Es ist eine Kostenfrage. Die Stadt Frankfurt unterstützt zwar Schuldnerberatungsstellen; das reicht, um die hauptamtlichen Berater zu zahlen. Die Miete zahlt die Caritas, vom Land Hessen kommt aber nichts – damit ist es das einzige Bundesland, das sich diese Einrichtungen nichts kosten lässt. Wir können mit dem Ehrenamt mehr Menschen erreichen, als nur mit bezahlten Kräften.

Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu Ihnen?

TRAUTWEIN: Erlauben Sie eine Gegenfrage: Wie viele Menschen in Frankfurt sind überschuldet? Das heißt: Würden sie alle Raten, zu denen sie verpflichtet sind, zahlen, hätten sie kein Geld mehr für Essen oder Miete. Es sind 60 000 Erwachsene, bei vielen ist längst der Stromzähler ausgebaut. Wir reden mit Gläubigern, mit Sozialämtern, damit sie ihre Existenz sichern können, ein Dach über dem Kopf, Wasser, Strom und Nahrung haben und an ihr Konto kommen. Seit der Hartz IV-Reform nutzen auch verstärkt Menschen unser Angebot, die in eine Ich-AG gedrängt wurden, Bankrott gingen. Viele dieser Leute können mit den Ansprüchen, die ein Jobcenter an sie stellt, nicht mithalten. Sie brauchen Zeit. Wir begleiten sie teils viele Jahre.

Wer zu Ihnen kommt, hat bereits Probleme. Gibt es präventive Ansätze?

TRAUTWEIN: Wir gehen in Förderschulen und vermitteln Finanzkompetenzen. In den Stadtteilen bieten wir direkt vor Ort Beratungen an, ebenso im Haus des Jugendrechts. Uber ein kleines Projekt gehe ich auch ins Gefängnis, biete Gespräche an, damit auch diese Leute die Chance haben, schuldenfrei in ein neues Leben zu starten.

Brauchen Interessenten, die das Schuldnerberatungsteam verstärken möchten, Vorkenntnisse?

TRAUTWEIN: Sie sollten ein gutes soziales Gespür haben und wissen, wie man Hilfe anbietet. Wenn sie irgendeine Ausbildung haben und mit beiden Beinen im Leben stehen, reicht das. Wie man den Menschen die Angst nimmt, welche Möglichkeiten es gibt, das Fachwissen bringen wir ihnen kostenlos bei. Diese Ausbildung ist permanent, es gibt ständig Fortbildungen. Ich suche aber auch Leute, die das Sekretariat besetzen. Unsere Mitarbeiter haben ganz unterschiedliche Hintergründe; Herr Korb und Herr Harbrecht sind Beispiele dafür.

Wie kamen Sie dazu?

DIETER KORB: Ich berate seit zwölf Jahren zweimal die Woche. Als ehemaliger Geschäftsführer einer Maschinenfabrik wollte ich nicht rosten. Ich musste mich erst an eine andere Mentalität gewöhnen. Manche Ratsuchende sind schwer koordinierbar, nicht besonders zuverlässig. Da wälzt man stundenlang Akten für jemanden und ärgert sich, wenn derjenige nicht zum Termin erscheint. Ich musste erst lernen, damit umzugehen.

ERICH HARBRECHT: Ich habe als Banker gearbeitet und wollte nach meinem Ruhestand etwas Sinnvolles tun. Die Menschen sind anders als meine Klienten früher. Ich muss ihnen erst die Angst nehmen – vor dem Schriftverkehr, den Papieren. Wenn er sich damit beschäftigt und wir gemeinsam Lösungen suchen, ist das ein großer Schritt. Und ich freue mich mit jedem Ratsuchenden, dem ich zu einem schuldenfreien Leben verhelfen kann.

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