Sich ohne Worte ausdrücken

Im Schultheater-Studio lernen Interessierte die Kunst von Mimik und Gestik

Im Schultheater-Studio in der Ernst-Reuter-Schule in der Nordweststadt lernen Theater erfahrene Menschen eine wortlose Form des schauspielerischen Ausdrucks. Einige betreten dabei Neuland und wirken so, als stünden sie zum ersten Mal überhaupt auf der Bühne.

Von Benjamin Kilb

Nordweststadt. Joachim Reiss Besteht Theater nicht aus Monologen, Dialogen oder zumindest aus irgendeiner Art von verbaler Kommunikation, fragt sich der Beobachter im Schultheater-Studio der Ernst-Reuter-Schule. Doch die Menschen auf der Bühne schweigen.

In Gruppen von bis zu fünf Personen stehen sie sich gegenüber, tanzen zu brasilianischer Weltmusik und simulieren verschiedenste Bewegungen, wie beim Kehren, Rauchen, Klavierspielen oder Malen, und verständigen sich dennoch. Im Workshop "Dance Narrative" mit dem bekannten walisischen Theaterdirektor Dan Baron Cohen sprechen die Teilnehmer mit Mimik, Gestik und Choreographien.

Erinnerungen austauschen

Die Teilnehmer proben kein Theaterstück, das wird schnell deutlich. Sie wirken zwar auf den ersten Blick sehr Theater erfahren, doch jene von Baron Cohen geforderte Art der Kommunikation stellt auch sie vor eine Herausforderung. Auf der Bühne stehen größtenteils Frauen im Alter zwischen 30 und 60 Jahren, viele von ihnen Theaterpädagoginnen, die das hier Erlernte später an ihre Schüler und Studenten weitergeben möchten. "Es geht um den Austausch von Erinnerungen, der Körper soll dabei als Buch benutzt werden", erklärt Dan Baron Cohen.

Jeder der Teilnehmer ist angehalten, einen Bewegungablauf in die Gruppenchoreographie einzubringen, der auf Menschen zurückgeht, die ihn in seinem Leben stark beeinflusst haben. Nicole Peinz (27) aus Bornheim ist ausgebildete Theaterpädagogin. Sie wählt eine Gestik des Erklärens und ein knieendes, passives Beobachten, inspiriert von ihrer einstigen Dozentin. Zusammengefügt mit den Bewegungen ihrer Gruppenpartner sollen alle Einzeldarbietungen letztlich eine kollektive Tanzchoreografie ergeben.

Ähnliche Methoden

Doch "der Prozess braucht Zeit", wie Dan Baron Cohen früh erkennt. Doch die haben die Protagonisten grundsätzlich nicht – das Programm des ursprünglich auf fünf Tage angelegten Workshops muss in nur zwei Tagen durchgezogen werden. Einige der Teilnehmer, auch Nicole Peinz, haben sich vor den Lektionen im Schultheater-Studio bereits mit der Arbeit des Brasilianers Augusto Boal beschäftigt. Der vor rund zwei Jahren verstorbene Theatertheoretiker und Regisseur von "Theater der Unterdrückten" lehrte vergleichbare Methoden wie sein früherer Schützling Dan Baron Cohen.

Nicole Peinz sieht den Workshop als Fortbildung, näherte sich ihm jedoch nicht mit konkreten Erwartungen und war umso überraschter über die biografischen Aspekte, die jeder Teilnehmer mit einfließen lassen soll. "Normalerweise agieren Schauspieler frontal zum Publikum. Hier jedoch braucht es das totale Miteinander der Personen in der Gruppe. Man muss jede Menge Empathie aufbringen", so Peinz.

Sie selbst und einige andere Workshopteilnehmer schätzen vor allem das Potenzial der Methode Dan Baron Cohens in Bezug auf das interkulturelle Lernen. Nach Angaben von Lee Teodora Gusic (40), die Lehrerin an der Musterschule ist, können vor allem Schüler von der Methode profitieren, die Probleme haben, sich verbal auszudrücken.

Erkenntnisse verarbeiten

Bevor die Methoden im Unterricht Anwendung finden, müssen die Teilnehmer allerdings lernen, mit den Workshop-Erkenntnissen umzugehen. Bettina Maynsoudi (62) beschreibt die Wirkung mit dramatischen Worten: "Mich berührt das Ganze tief. Es löst ein Erdbeben in mir aus, das sich nach kurzer Zeit jedoch wieder verflüchtigt."

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