Sie sind zu Hause in der Fremde

Zwillinge auf Wanderschaft: Was Mathias und Achim nach Frankfurt verschlug

Im Gallus lebt eine alte Tradition fort: Wandergesellen haben dort eine Herberge. Wir haben dort ein ganz besonderes Paar getroffen.

Von Lisa-Marie Spielberg

Frankfurt. Die doppelten Gesellen: Links Achim, daneben sein Zwillingsbruder Mathias. Als zünftige Gesellen tragen sie jeden Tag ihre Kluft, die Zylinder dazu, beide über einhundert Jahre alt, ergatterten die Brüder auf einem Antiquitätenmarkt. Fotos: Rainer Rüffer An Achim und Mathias Sabah (23) scheint alles gleich: Sie sind gleich groß, haben beide die gleichen netten Augen – und tragen beide die gleichen Klamotten. Schwarze Schlaghose, schwarze Weste und schwarzes Jacket aus Manchester, weißes kragenloses Hemd, dicke Stiefel, Zylinder. Achim und Mathias sind Wandergesellen und die einzigen Zwillinge, die als "rechtschaffene fremde Gesellen auf Tippelei" sind.

Heimreise verboten

Drei Jahre und einen Tag, so lange wollen sie unterwegs sein, die Hälfte ihrer Reisezeit ist bereits vorbei. Am 8. November 2009 hatten die beiden ausgelernten Zimmermänner ihre Heimatstadt Schwanstetten bei Nürnberg verlassen. Seitdem dürfen die Brüder ihrem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Nur bei Krankheits- oder Todesfällen wären Ausnahmen erlaubt.

Mathias erinnert sich noch gut an den Abreisetag, das war ein riesen Fest mit Verwandten, Freunden und anderen reisenden Gesellen. "Einerseits war ich traurig, weil ich meine Familie und Freunde für eine sehr lange Zeit zurücklassen musste. Doch die Vorfreude überwog." Achim ergänzt: "Hinter dem Ortsschild durften wir nicht mehr zu Familie und Freunden zurückblicken. Das bringt Unglück!" Für beide steht fest, dass sie nach der Reisezeit zusammen in ihre Heimatstadt zurückkehren.

Das Rathaus der Schweizer Stadt Saignelégier war das erste Ziel, an dem sich die reisenden Zwillinge einen Stempel in ihr Wanderbuch geben ließen. Dieses Buch ist wie ein Reisepass, mit ihm kann sich der Inhaber im In-und Ausland als rechtschaffener fremder Wandergeselle ausweisen. Das erste Mal auf der Wanderschaft gearbeitet haben Achim und Mathias im schwäbischen Plüderhausen. Der Arbeitgeber konnte zu ihrem Glück beide Männer beschäftigen. Denn Mathias ist nicht gerne von seinem Zwillingsbruder getrennt. "Ich bin richtig schlecht drauf, wenn ich ihn vermisse!"

Umso besser, dass sich beide einig waren. Erst bei der Wahl der Ausbildung, dann bei der Entscheidung, auf Wanderschaft zu gehen. Seitdem beeindrucken die Männer in Schwarz fast jeden. Denn in ihrer Kluft ähneln sich die Zwillinge noch mehr.

Sogar ihre Kameraden überlegen lange, wer wer ist. "Die Koteletten sind’s! Die einen sind länger, die anderen kürzer", sagt Pascal Schmid, Rechtschaffener Fremder aus der Schweiz, der sich mit Achim, der die Haare etwas länger trägt, und Mathias in Frankfurt getroffen hat. Ihre Ähnlichkeit gehe ohnehin über Äußerlichkeiten hinaus: "Wenn sie nicht reden wollen, dann reden sie auch nicht", weiß der dänische Kamerad Kennet Kajshøj.

Im Gallus, in der Herxheimer Straße haben die Männer Unterkunft gefunden. Dort, im Vereinslokal der SG 28 haben die Gesellen mit der schwarzen Ehrbarkeit – so nennt man den Schlips, den alle Rechtschaffenen Fremden als Erkennungszeichen tragen – eine Herberge. Wer von ihnen in die Stadt kommt, erhält Bett und Verpflegung. Dafür sorgen die Wirtin und Gesellen, die sich nach ihren Wanderjahren in Frankfurt auf Dauer niedergelassen haben.

Die Zwillinge hat die Liebe für ein paar Tage an den Main gebracht. Achim hat hier eine Freundin, wollte sie vor der Weiterreise sehen. Der Bruder kam mit.

Gemeinsam haben die Franken schon verschiedene Länder bereist. Nach den Regeln ihres Schachtes (siehe nebenstehenden Text) durften sie sich im ersten Reisejahr nur im deutschsprachigen Raum aufhalten. Inzwischen waren sie unter anderem in Dänemark, Tschechien und Frankreich.

Bis nach Neuseeland

Achim hat sich doch mal vom Zwilling getrennt und war für drei Monate in Neuseeland. Seine bisher schönste Zeit: "Als Wandergeselle wird man in fremden Ländern anders aufgenommen denn als Tourist. Man lernt die Einheimischen viel besser kennen."

So etwa den Neuseeländer Frank. "Er war schon 72 und hat mir stolz erzählt, dass er von der Queen eine Ehrenmedaille bekommen hat, weil er für zwei Jahre in der Antarktis forschte. Er lud mich zu sich nach Auckland ein. Ich war drei Tage da, er hat mir viel über seine Heimat erklärt." Aber so schön ist es nicht jeden Tag im Leben der doppelten Gesellen. Mathias erzählt aus Berlin: "Da hat uns eine Frau angeboten, bei ihr zu schlafen. Sie machte einen normalen Eindruck, aber als wir ankamen, stolperten wir über Berge von Obstkisten, vergammelte Salate und anderen Müll." Schnell flüchteten sie aus der Messi-Wohnung. Eine Unterkunft fanden sie in dieser Nacht nicht mehr.

"Es sind die Abenteuer und das Ungewisse, die uns reizen. Außerdem machen wir unseren Beruf zu unserem Leben", sagt Achim.

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