Trotz Handikap ins Stadion

Viele Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer wissen nichts von den speziellen Angeboten

Wenn die Eintracht spielt, soll möglichst jeder zuschauen können. Obwohl die Tribünen steil und die Wege auf dem Gelände lang sind, bleibt auch für Menschen mit Behinderung das Stadion nicht verschlossen.

Sachsenhausen. Clemens Schäfer (l.) und Henning Enste zeigen Heinz-Peter Schwindt die speziell für Gehbehinderte eingerichteten Sitzplätze. Foto: Rainer Rüffer Schon als Junge jubelte Heinz-Peter Schwindt "seiner Eintracht" im Riederwaldstadion zu, später kam der heute 68-Jährige regelmäßig ins Waldstadion. Doch seit die neue Commerzbank-Arena steht, verfolgt der Sachsenhäuser die Spiele vom heimischen Fernseher aus. Als Schwerstgehbehinderter hat er Probleme im Stadion: "Die Treppen sind steil, der Weg zum Sitzplatz ist lang." Vor allem stört Schwindt, dass es anders als im alten Stadion keine Mittel-Geländer mehr an den Treppen gibt, die innerhalb der Tribüne verlaufen. "Weil ich Probleme mit dem Gleichgewicht habe, brauche ich etwas zum Festhalten", betont er.

Fluchtweg freihalten

Beim Neubau habe man sich bewusst gegen Mittel-Geländer entschieden, erklärt Henning Enste, Prokurist der Betreibergesellschaft Stadion Frankfurt Management GmbH: "Vor allem um Fluchtwege freizuhalten und damit die Fans eine gute Sicht aufs Spielfeld haben."

Dass es für Menschen mit Behinderung trotzdem zahlreiche Möglichkeiten gibt, ins Stadion zu kommen, will Enste gemeinsam mit dem Eintracht-Behindertenbeauftragten Clemens Schäfer zeigen. Denn, so räumt Schäfer ein: "Viele Betroffene wissen einfach nichts von den zahlreichen Angeboten."

Es ist kalt in Deutschlands zehntgrößtem Stadion an diesem Morgen, sehr kalt. Deshalb halten sich die drei nur solange wie nötig hier draußen auf der Osttribüne auf, um sich die speziellen Plätze für Gehbehinderte anzuschauen. "Die zwanzig Plätze sind barrierefrei zu erreichen und für eine Begleitperson ist auch Platz", erklärt Schäfer. Seit zwei Saisons gebe es dieses Angebot für Menschen, die laut Ausweis eine "aG", also eine außergewöhnliche Gehbehinderung haben. "Eine Ausnahme in deutschen Stadien", sagt Schäfer. Schwindt, der zum ersten Mal von dem Angebot hört, sitzt schon mal Probe. Er ist zufrieden: "Hier lässt sich das Spiel genießen", meint er. Auch die Sicht auf das Spielfeld über das Tor hinweg gefällt ihm gut.

Zu den Plätzen kommen die Besucher mit einem Shuttle-Service, den das Rote Kreuz unterhält. "Bei Spielen pendelt der Bus ständig zwischen Haupteingang und Gegentribüne", sagt Schäfer. Von da aus seien die Plätze mit einem Aufzug und über einen ebenerdigen Rundlauf leicht zu erreichen.

Aber auch ohne Gehbehinderten-Ausweis müssen beeinträchtigte Menschen nicht zuhause bleiben, erklärt Schäfer: "Auch in den normalen Blöcken gibt es Plätze, die leicht erreichbar sind, weil sie zum Beispiel direkt am Eingang liegen." Welche das sind, können Betroffene direkt bei ihm erfragen.

Für Rollstuhlfahrer und ihre Begleitung gibt es 110 Plätze auf der Gegentribüne. Allerdings sind die auch sehr begehrt: "Zehn Prozent gehen an die Gäste, 97 Rollstuhlfahrer besitzen eine Dauerkarte", rechnet Schäfer vor. "Für die Übrigen gibt es eine Warteliste, die inzwischen 80 Personen umfasst." Auch die Behindertenparkplätze seien leider schon oft an Dauerkartenbesitzer vergeben. Ein nachträglicher Anbau von weiteren Rollstuhlplätzen sei leider nicht möglich, erklärt Prokurist Enste. Der Platz auf der Tribüne reiche aber in Ausnahmefällen auch für weitere Rollstuhlfahrer aus.

In der obersten Liga

Beim Stadion-Neubau von 2005 seien die Auflagen der FIFA zur Barrierefreiheit hoch gewesen, erklärt Schäfer: "Deshalb spielen wir heute in der obersten Liga, was Behindertenfreundlichkeit angeht." So gebe es auch für Sehbehinderte neben einem reservierten Kartenkontingent einen weiteren Service: Über ein mobiles Empfangsgerät können sie die Kommentierung des Reporters direkt mitverfolgen.

Damit sind die Ideen von Schäfer aber noch lange nicht erschöpft: "Zurzeit bauen wir ein Programm mit Freiwilligen auf, die gehbehinderte Menschen zu ihrem Platz begleiten sollen."

Schwindt will jetzt wieder regelmäßig kommen und sagt zu Schäfer: "Den Platz hier können Sie mir schon mal reservieren!"jag

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