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Verbrannte Finger
FNP-Mitarbeiterin Karina Wilczok war Assistentin im Dialogmuseum
Grundidee des Dialogmuseums an der Hanauer Landstraße ist der Rollentausch: Blinde führen sehende Menschen durch stockdunkle Räume, in denen Alltagssituationen eine ganz neue Bedeutung bekommen. FNP-Mitarbeiterin Karina Wilczok war für einen Tag Assistentin an der Bar.
Ostend. ![]()
Noch hat sie gut lachen: "Aushilfskellnerin" Karina Wilczok am Eingang zum Dialogmuseum. Foto: Rainer Rüffer"Autsch!" Schon auf den ersten Metern ins Dunkel des Dialogmuseums mache ich mit einer Wand Bekanntschaft. Sehr elegant sehe ich mit meinem Blindenstock vermutlich nicht aus – gut, dass es keiner sieht! Vorsichtig taste ich mich durch die Finsternis und stoße auf einen hohen, hölzernen Gegenstand – die Theke der Bar. Dort begrüßt mit mein "Arbeitgeber" für einen Tag, der blinde Museumsführer Andreas Büttgenbach (28). Um es vorweg zu nehmen: Ohne ihn wäre ich völlig hilflos gewesen.
Andi führt mich
Andi ist seit seinem zehnten Lebensjahr blind und beruhigt mich erst mal: "Den Stock beiseite legen, ich führe dich." Wie ein Kleinkind betaste ich alles, was vor mir ist. An Andis Seite nehme ich das Abenteuer im Unsichtbaren auf mich. Er bewegt sich unglaublich schnell und zielsicher. Und weiß stets, wo wir uns befinden.
Ich kann meine Umgebung immer noch nicht einschätzen. "Das ist doch leicht", sagt Andi, nimmt meine Hand und führt mich in der ovalen Theke umher. Ich bin froh, dass die Platte abgerundet ist. Das gäbe sonst üble Verletzungen. Trotz der Versicherung, dass ich mich nicht verletzen könne, bleibe ich misstrauisch. Plötzlich fühle ich ein plattes, dünnes Glas vor mir. "Ah! Was ist das denn?" In der nächsten Sekunde ziehe ich instinktiv an einem Griff. "Glückwunsch! Sie haben einen Kühlschrank gewonnen", witzelt Andi. Es wird kalt, Kühlschranktür wieder zu.
Von Weitem höre ich Stimmen – Besucher nähern sich. Jetzt werde ich kläglich scheitern! Doch die Stimmen verhallen wieder. "Nicht alle Gäste kommen an die Bar, manchmal gehen sie gleich weiter zur nächsten Attraktion", weiß Andi. Fortsetzung meiner Erkundungstour.
Wir stehen auf der anderen Seite der Bar. Ich fühle eine haarige Schnur vor mir. An ihr baumelt ein Flaschenöffner. Daneben stecken in einer Vertiefung Strohhalme. "Das war einfach", sage ich. Neben dem Kühlschrank spüre ich Wärme, hier muss ein heißes Gerät sein. Es macht eigenartige Geräusche –ich identifiziere es: "Die "Kaffeemaschine!" Hier beginnt meine größte Herausforderung. Andi zeigt mir, dass rechts neben der Maschine, eine Kaffeekanne steht. Dort soll ich Wasser einfüllen. "Wo ist denn das Wasser?" Im nächsten Moment erschreckt mich das Geräusch fließenden Wassers – Andi hat den Wasserhahn geöffnet. Durch Tasten fühle ich, wann die Kanne voll ist. Mit nassen Händen geht‘s zur Kaffeemaschine, wo ich das Wasser hineingieße. Zum Glück hat Andi schon Kaffeefilter hervorgezaubert. Ich trockne schnell meine Hände ab, fülle den Filter mit sieben gehäuften Löffeln Kaffeepulver – geschafft! Bloß keine Konzentrationsschwäche. Klappe zu, das Knöpfchen rechts drücken und "schon" läuft die Maschine. Wenig später duftet es wie in einem Kaffeehaus. Ich traue mich aber nicht, den kochend heißen Kaffee in die Thermoskanne zu füllen – "Andiii, mach mal bitte!"
Da die nächsten Gäste auf sich warten lassen, kann ich weiter links einen Schrank mit mehreren Fächern erkunden. Dabei zerdrücke ich fast eine knisternde Verpackung und erahne was hier gelagert wird. "Süßigkeiten erraten!", fordert Andi meinen Tastsinn heraus. "Woran unterscheide ich ein Mars vom Snickers?" Mein Guide sagt‘s mir: "Hier ist die Oberfläche viel glatter und länglicher.". Meine unsensiblen Fingerkuppeln fühlen das jedoch nicht. Meine Hände wandern weiter von Fach zu Fach. Ich versuche mir die Platzierungen der Süßigkeiten zu merken. Schwierig.
Zurück am Kühlschrank scheitere ich gnadenlos beim Glasflaschen-Raten. Oder kennen Sie den Unterschied zwischen Cola, Wasser oder Bionade? Beschämt muss ich feststellen, dass ich lediglich die Caprisonne aufgrund ihrer einzigartigen Packungs-Form erkenne.
Die Finger verbrannt
Kühlschranktür zu, zurück zur Kaffeemaschine, wo der nächste, frisch gebrühte Kaffee aufs Umschütten wartet. "Möchtest du den Kaffee in die Kanne gießen?", fragt Andi. Ich traue mich tatsächlich. Mutig nehme ich den fertigen Kaffee aus der Maschine, tapse nach rechts zum Waschbecken, wo die Thermoskanne wartet. Langsam den heißen Kaffee abstellen, die Klappe der Kanne öffnen und den Kaffee bitte, bitte, bitte zielsicher in das Loch der Thermoskanne gießen! Natürlich verbrenne ich mich beim Einschenken. Nicht nur ein Mal. Wasserhahn! Dann fließt auch schon das kühlende Wasser über meine linke Hand. Schlimm ist es nicht. Ich bin überrascht, wie sicher meine Bewegungsabläufe werden.
Langsam fühle ich mich wohl, beginne Andi besser wahrzunehmen und sogar einige Stimmen von Mitarbeitern wiederzuerkennen, die kurz vorbeischauen. Instinktiv folge ich den Stimmen, beuge mich über die Theke und biete ihnen stolz meinen selbst gemachten Kaffee an. Dann drehe ich mich zur Thermoskanne um, bekomme drei Tassen in die Hand gedrückt, schenke den Kaffee ein und balanciere vorsichtig den Kaffee zu den Stimmen.
Plötzlich höre ich einen Kollegen rufen: "Mensch Andi, der Kaffee!" Anscheinend gestikuliert Andi so heftig, dass er mir fast eine Kaffeetasse aus der Hand schlägt. "Sorry", sagt er. Alle lachen.
Ich höre wieder Stimmen. Gäste kommen zur Bar! Plötzlich Kinderstimmen. "Hallo, seid ihr blind? Was gibt‘s hier? Krieg‘ ich eine Fanta?", kommt es uns entgegen. Etwas verlegen stehe ich mit einem Bund Strohhalmen neben Andi. Ich erfahre, dass Anna ihren elften Geburtstag feiert und höre Andi arbeiten. Flaschen zischen, Snacks werden verteilt. Mittendrin versuche ich, die Strohhalme in die Glasflaschen zu navigieren und möglichst schnell den ungeduldigen, kleinen Gästen ihre Getränke zu geben. Die Kinderstimmen werden leiser und verschwinden. "Puh Andi, das war echt anstrengend", sage ich. Er antwortet: "Klar, hier erlebst du was als blinder Barkeeper. Definitiv ein Besuch, der Sinne macht!"
Dialogmuseum, Hanauer Landstraße 137-145; heute, Montag, geschlossen, Dienstag, 3.1., bis Freitag, 6.1., von 10 bis 18 Uhr geöffnet, Platzreservierungen sind über die Bookingline 0 69-90 43 21 44 erforderlich.



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