Vespern sind Publikumsmagnet

Seit 30 Jahren lädt die Emmausgemeinde zur abendlichen Andacht

Vor 30 Jahren ertönten die ersten Melodien der musikalischen Vesper in der Emmausgemeinde. Seitdem hat sich das monatliche Konzert zum Geheimtipp entwickelt. Heute lädt Chorleiterin und Organisatorin Karen Schmitt zum Jubiläumskonzert ein.

Eschersheim. Karen Schmitt ist Kantorin und Organistin der Emmausgemeinde. Foto: Rainer RüfferDie Emmausgemeinde hat ein Herz für Musik. Das spürt Kirchenmusikerin und Chorleiterin Karen Schmitt bei jedem Konzert, bei jedem Gottesdienst. An diesem sonnig-kalten Nachmittag sitzt sie an der Orgel; eine zierliche Frau mit bunter Strickjacke und blonden, kinnlangen Haaren. Sie lässt den Blick über die goldenen Verzierungen am Altar schweifen, die Empore, die bunten Mosaikfenster. "Die Kirche ist wunderschön", sagt sie und strahlt. "Gerade unsere musikalischen Vespern zaubern in diese barocke Umgebung eine ganz besondere, intime Stimmung. Das schätzen unsere Besucher sehr." Dann lässt sie kurz und wuchtig die Cembalosaiten erzittern. Eine letzte Übung vor dem heutigen Jubiläumskonzert: Vor 30 Jahren lud die Gemeinde zur ersten musikalischen Vesper ein.

Vesper – damit ist keine Brotzeit gemeint, sondern ursprünglich die Abendandacht in Klostern. Daran angelehnt steht an jedem ersten Samstagabend im Monat die Kirchentür für ein Konzert mit liturgischem Rahmen offen. Der Eintritt kostet nichts, Spenden sind willkommen, musikalische Highlights gehören fest zum Repertoire. Denn die Eschersheimer Vespern sind längst zum Geheimtipp für Liebhaber feiner Werke und Profimusiker geworden. "Das Künstlerhonorar ist zwar überschaubar; mehr können wir uns nicht leisten", sagt Schmitt. "Sie kommen trotzdem immer wieder gern hierher, weil sie die Atmosphäre so lieben."

Die Idee für eine regelmäßige Konzertreihe hatte Herbert Hoffmann, der ehemalige Kirchenmusiker der Gemeinde und begeisterter Organist. Vor zehn Jahren übernahm Karen Schmitt seine Stelle. Die Verbindung blieb bestehen: Obwohl 82 Jahre alt, wird Hoffmann heute Abend über den Stuhlreihen an seinem Lieblingsinstrument sitzen und gemeinsam mit Trompetenspieler David Tasa Werke von Bach, Händel und Mendelssohn zum Besten geben. "Er lebt für die Musik", lautet Karen Schmitts Urteil. In ihrer Stimme schwingt Anerkennung; ihre Augen leuchten.

Vor allem Kammermusik mit barockem Einschlag gibt es bei den Vespern zu hören. Das bietet sich an: Die Kirche wurde 1754 erbaut. Beinahe jede Ecke, jede Kante ist mit opulenten Ornamenten verziert und auch die Orgel thront prunkvoll hergerichtet über dem Altar. Meistens dirigiert Schmitt die Musiker, manchmal tritt sie mit ihrem Chor auf; welche Lieder gespielt werden, richtet sich auch nach dem Stand des Kirchenjahrs. Die Instrumente sind vielfältig: Flöte, Klavier, Harfe gaben hier schon ihre Melodien preis. Demnächst wird ein Pariser Künstler mit seinem Bajan, eine Art Akkordeon, in der Gemeinde musizieren. Besonders stolz ist Schmitt aber auf das Cembalo, das die Verwaltung angeschafft hat. Sie streicht über das Holz, entlockt den Tasten ein paar Töne. "Ein wunderbarer Klang, der perfekt zu der Akustik hier passt."

Wie es die Gemeinde geschafft hat, die musikalischen Vespern 30 Jahre lang am Leben zu erhalten? "Gute Frage." Schmitt lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück, betrachtet einen Augenblick schweigend das große Kreuz am Ende des Mittelganges. "Kirchenmusik will gepflegt werden", sagt sie dann, "und das machen wir. Eines der festgelegten Ziele unserer Stiftung beispielsweise ist, die Musik zu fördern."

Aber ihre Beständigkeit verdanken die Vespern noch etwas anderem; etwas, das tiefer geht als bloße geschickte Verwaltung. "Die Vespern haben einen besonderen Effekt auf die Menschen: Es ist Wochenende. Sie haben Zeit, sich den Melodien hinzugeben. Je nach Programm verlassen sie die Kirche angeregt oder andächtig. Und sie kommen immer wieder." Schmitt lächelt. "Unsere Gemeindemitglieder, die Pfarrerin und ich tragen diese Veranstaltung, weil uns allen die Musik wichtig ist." jro

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