05.05.2010 Lokales Frankfurt Berkersheim

Fünf Dinge, die früher besser waren

Helene Chudoba blickte an ihrem 100. Geburtstag zurück

Helene Chudoba gestern Morgen Helene Chudoba gestern Morgen

Von Christian Scheh

Als Helene Chudoba im Jahr 1910 geboren wurde, war die Welt noch eine andere. Aber war sie auch eine bessere, wie mancher Zeitgenosse in nostalgischer Rückschau behauptet? Frau Chudoba, die gestern ihren 100. Geburtstag feierte, meint: ja.

Berkersheim. Den Gedanken, dass die Kindheit ein Paradies ist, aus dem der Mensch mit der Zeit vertrieben wird, haben schon viele Dichter und Denker zum Ausdruck gebracht. Zu Helene Chudoba passt er doppelt gut, denn zur Vertreibung aus der unbeschwerten Kinderzeit kommt in ihrem Fall die Vertreibung aus der oberschlesischen Heimat.

Dort, im 5000-Seelen-Städtchen Schönwald, wurde Frau Chudoba geboren. Dort verbrachte sie ihre Kinder- und Jugendzeit. Und dort heiratete sie im Jahr 1937 ihren Mann Alfred. Die Vertreibung aus dem Paradies begann im Januar 1945: Die Russen marschierten ein, die junge Familie musste fliehen und in der Fremde neu beginnen.

Frisch frisiert und munter

Wer Helene Chudoba gestern, an ihrem 100. Geburtstag, in der Berkersheimer Wohnung besuchte, erlebte aber keine vom Leben gezeichnete Frau, der die Schrecken jener Tage noch ins Gesicht geschrieben stehen. Auf der Couch saß eine muntere, frisch frisierte Seniorin, von deren Lebensfreude sich mancher Teenager ein Scheibchen abschneiden könnte.

Der Satz «Früher war alles besser», zu dem sich Frau Chudoba tatsächlich hinreißen ließ, verlangte freilich nach genauerer Erörterung. Und tatsächlich kam sie nach kurzem Nachdenken auf fünf Dinge, die ihre Ansicht nach besser waren:

Dass die Menschen viel stärker zusammengehalten haben als heute, fällt dem «Geburtstagskind» als Erstes ein: «Die Nachbarn haben sich gekannt und gegenseitig geholfen, zum Beispiel wenn Erntezeit war.» Arbeit habe es eine Menge gegeben, denn abgesehen von ihren Berufen – Frau Chudobas Vater war bei der Eisenbahn – hätten die meisten Menschen auch Landwirtschaft betrieben, um sich selbst zu versorgen.

Auch manche Speisen von früher seien besser gewesen als das, was heute im Supermarkt zu bekommen ist. «Wir hatten zwei Kühe und Schweine und haben die Wurst natürlich selbst gemacht», erinnert sich die Jubilarin. Vor allem die Bratwurst, in die Knoblauch eingearbeitet wurde, habe es ihr als Kind angetan: «Wenn es Wurst gab, war ich immer ganz vorne dabei.»

Durch die Landwirtschaft hätten die Menschen sehr viel stärker mit der Natur und den Jahreszeiten gelebt, findet Helene Chudoba. Sie erinnert sich an viele Spaziergänge im Grünen und an Spiele im heimischen Garten, durch den sogar ein Bach geflossen sei. Die Hektik, die das Leben der Leute heute oft bestimme, habe es damals noch nicht gegeben: «Die Freiheit war einfach größer.»

Kaum Verkehrslärm

Auch vom Verkehrslärm seien die Menschen vor 100 Jahren noch nicht so geplagt gewesen wie heute: «Bei uns im Städtchen gab es nur ein einziges Auto, das gehörte dem Schneidermeister», erinnert sich das «Geburtstagskind». Da sei es natürlich jederzeit möglich gewesen, auf der Straße zu spielen, zum Beispiel mit Murmeln.

«Insgesamt sind die Leute früher einfach zufriedener gewesen», meint Helene Chudoba. «Zufriedenheit» ist denn auch das einzige Geheimrezept, das ihr für ein hohes Alter einfällt. Mit ihrem Leitspruch «Nicht ärgern, nur wundern» hat sie manchen Schicksalsschlag, etwa den Tod ihres Manens, weggesteckt. Zwei Töchter hat Frau Chudoba großgezogen. Darüber, dass sie mit 100 Jahren noch gute Laune hat, freut sich auch Enkelkind Verena.

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