Diese Piste verführt zum Rasen

Auf der superbreiten B 519 lässt sich’s prima schnell fahren – Radfahrerstreifen als erster Schritt

Sie wollen sich nicht länger mit dem Hinweis auf die B 519 neu vertrösten lassen: Die Anwohner der Rheingaustraße wünschen sich Sofort-Maßnahmen, damit ihr Leben erträglicher wird.

Von Barbara Schmidt

Marxheim. Welch‘ eine weite Asphaltfläche: Gerade dann, wenn wenig Verkehr ist und die Anlieger mehr Ruhe haben könnten – wie sonntags oder nachts – drücken viele Autofahrer in der Rheingaustraße auf die Tube. Fotos: Maik ReußDer Ortsbeirat Marxheim hat von den Betroffenen viel Rückendeckung für sein Bestreben erhalten, etwas für die Menschen an Hofheims meistbefahrener Straße zu tun. Immerhin fast 100 Interessierte waren am Samstagnachmittag der Einladung ins Bürgerhaus gefolgt, um darüber zu diskutieren, wie die Anwohner der Rheingaustraße entlastet werden könnten.

Joachim Bielefeld vom Straßenverkehrsamt Frankfurt, einer der beiden geladenen Experten, machte gleich zu Anfang deutlich, dass zwar eine "Zone 30" auf Bundesstraßen wie der Rheingaustraße auch innerorts rechtlich nicht machbar ist, die Straßenverkehrsordnung aber die Möglichkeit eröffne, Tempo 30 anzuordnen, "wenn es die besondere Situation erforderlich macht." Eine Variante wäre, so Bielefeld, "die Rheingaustraße so darzustellen, dass der Verkehrsteilnehmer ohne Zwang auf die Idee kommt, 30 zu fahren." Eine Verengung der Fahrbahn steht da ganz oben an. Fahrradstreifen zu beiden Seiten lassen den Autofahrern weniger Platz.

Da, wo die Rheingaustraße sehr breit und gerade vor ihm liege, erzeuge allein der Anblick beim Autofahrer eine "Durchschuss-Wirkung", erläuterte Dr. Uwe Conrad, Verkehrsplaner in Wiesbaden und selbst Anwohner der Frankfurter Straße, dass der gegenwärtige Zustand förmlich zum Rasen verleitet. Das gilt vor allem, wenn wenig los ist, was Tempo 30 vor allem für diese Zeiten sinnvoll mache, so Conrad.

Stadtrat Wulf Baltruschat, selbst auch Anlieger, warnte aus seiner Erfahrung als Polizeibeamter, Tempo 30 auf Ortsdurchfahrten durchzusetzen, sei zwar möglich, aber in Sulzbach habe man erlebt, dass die Klage eines einzelnen reiche, um das ganze zu kippen. Anwohner Dr. Stephan Schmidt hielt dem entgegen, nur weil in einer anderen Kommune jemand geklagt habe, "sollte uns das nicht abhalten, es hier zu versuchen."

Fahrbahn verengen

Immerhin ein Anfang: Radstreifen auf der Rheingaubrücke. Allerdings: Hinter der monströsen Leitplanke würden Radler sich sicherer fühlen.Wie mehrere andere, sprach sich Schmidt für "ein grundsätzliches Konzept zur Verengung der Fahrbahn" aus. Die Radfahrstreifen von der Rheingaubrücke weiterzuführen, sei da nur ein Beitrag. Wie berichtet, hatte auf Antrag der Grünen erst vor wenigen Tagen der Haupt- und Finanzausschuss für diese Maßnahme 30 000 Euro für den Haushalt 2012 bewilligt.

Ein Schritt in die richtige Richtung sei das auf jeden Fall, meinten die Experten, auch wenn die Radstreifen nicht die selbe Sicherheit böten wie ein Radweg. Belegt sei immerhin, dass solche Maßnahmen dazu beitragen, dass Menschen überhaupt aufs Rad steigen und dafür ihr Auto stehen lassen. Und das ist ja auch ein wichtiges Ziel, wenn der Verkehr in Hofheim weniger werden soll, denn der ist schließlich nachgewiesenermaßen größtenteils hausgemacht.

In diesem Zusammenhang gab‘s übrigens reichlich Kritik für die Lösung, die auf der Rheingaubrücke für den Radverkehr umgesetzt wurde. Die Leitplanke halten viele für eine Gefahrenquelle. "Das Gefühl eines sicheren Radwegs habe ich dort nicht. Man muss immer fürchten, dass man gegen dieses ‘Bollwerk‘ gedrückt wird", fasste Stephan Schmidt seine Erfahrungen zusammen. Ilona Leicht, ebenfalls Anwohnerin und erfahrene Radfahrerin, findet es nicht verwunderlich, dass viele Radler lieber den Bürgersteig wählen, "weil das die einzig sichere Möglichkeit ist. Wer sich diese Leitplanke ausgedacht hat, ist bestimmt kein Radfahrer. Die ist lebensgefährlich." Auch für die neue Ampelschaltung an der Kreuzung Nachtigallenweg/Berliner Straße gab‘s – wie schon im Ortsbeirat – Kritik.

Mehr Querungshilfen

Es geht doch, auch wenn die Verhandlungen lange dauerten: Im schmaleren Teil der Rheingaustraße in Marxheim gilt Tempo 30.Die Anwohner haben zudem festgestellt, dass es auf der Rheingaustraße an sicheren Querungsmöglichkeiten für Fußgänger mangelt. Das gelte vor allen auf Höhe der Bushaltestellen. Da bleibe nur, weiter unten auszusteigen, wo eine Ampel ist, doch müsse man dann den Berg hoch laufen. Vor allem für Ältere ein Grund, doch das Auto zu nehmen.

Bielefeld und Conrad brachten noch den Vorschlag ins Gespräch, die Fahrspur für die Autofahrer auf fünf Meter zu verengen und den Mittelstreifen ganz wegzunehmen. Bäume könnten sich viele gut vorstellen, um optisch von der "Rennstrecke" wegzukommen. Conrad warnte allerdings, dass damit recht hohe Kosten verbunden seien, weil zunächst geprüft werden müsse, was an Leitungen wo im Boden liegt. Einfacher und billiger ist es, Blumenkübel aufzustellen. Patenschaften oder sogar die Übernahme der Anschaffungskosten boten gleich mehrere Anlieger an. "Das wäre ein Schritt in die Richtung, die wir ja offensichtlich doch gemeinsam gehen wollen", so Stephan Schmidt.

Jede Menge Stoff also für den Ortsbeirat, mit neuen Anträgen an die Stadt darauf hinzuwirken, dass sich zumindest ein bisschen etwas für die Anlieger der Rheingaustraße tut. Nur auf die B 519 n warten will hier jedenfalls niemand mehr.

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