Ein Umzug "schöner als in Nordenstadt"

Kerbehammel Manfred ist jetzt Papa geworden. Da ging es anderen Vertretern seiner Zunft deutlich schlechter.

Von Juliane Schneider

Wallau. Kunterbunt ging es beim Wallauer Festumzug zu – auch wenn die Engel dort gewöhnungsbedürftig sind. Foto: ReußEigentlich waren sie jedes Jahr in die Lüneburger Heide gefahren, um den aktuellen Hammel für die Kerb nach Wallau zu überführen. Zuletzt hatte 2009 Hammel Manfred die Ehre. Im vergangenen Jahr hatten ihm die "Wallauer Hammelfahrer" ein weibliches Schaf mitgebracht, ein fruchtbares Unterfangen: Manfred und seine Heidschnucke haben inzwischen Nachwuchs bekommen. Das junge Familienglück konnte bewundern, wer sich gestern auf den Weg nach Wallau gemacht hatte, um dem beliebten Kerbeumzug beizuwohnen.

Die Füße wippen

Liesel Heinisch (79) reist jedes Jahr aus dem benachbarten Nordenstadt an. Schon als die Ländchesmusikanten ihren Weg vom Ikea-Parkplatz ins Zentrum einschlagen, zuckt es in ihren Gliedern, die Füße wippen. "Das ist ja die Kirch", ruft sie begeistert, als der Wagen der Kerbegesellschaft um die Ecke biegt mit dem nachgebildeten Kirchengebäude im Schlepptau. Dahinter fröhlich winkende Kerbeburschen und noch mehr –mädchen in roten T-Shirts. Mit großem Hallo wird die Hammelfamilie empfangen. Wagen an Wagen schließt sich an. Unter mit Blumen und Kürbissen verzierten Tannenbögen sitzen acht Landfrauen. Als der Traktor abrupt abbremsen muss, kreischen sie ein bisschen. Neben einem alten Weinfass auf Rädern haben es sich die Winzer von Wallau gemütlich gemacht, die Narrenzunft Waller Wespe hat ihren Wagen gar in einen echt bayrischen Biergarten mit Heuballenromantik umfunktioniert und wirbt damit für ihr Oktoberfest. Mit Oldtimern und historischen Kostümen macht der Verein für Heimatgeschichte auf sein diesjähriges Theaterstück aufmerksam, coole Musik klingt aus dem Gefährt der Fußballer. "Aufsteiger 2011" steht auf ihren schwarzen T-Shirts.

Mit Bademütze

Liesel Heinisch tanzt begeistert mit. "Der Umzug ist wunderbar", sagt sie, "schöner als der in Nordenstadt." In ganz Wallau stehen sie an den Straßen oder feiern ihr eigenes Fest in den Höfen. Auch Fatimhe Foroozan hat sich vor ihrem Zuhause platziert. "Ganz toll", findet sie den Umzug mal wieder, später wollen sie noch den Jahrmarkt besuchen. Enkelin Alessia (4) hat sich schon die gelbe Bademütze aufgesetzt, die die Schwimmer vom DLRG verteilt haben, Schwester Valentina (2) spielt mit einer Gummibärchentüte. Naschzeug, das aus den Wagen fliegt, ist auch in Wallau Pflicht.

Im Festzelt wartet Monika Bernhard auf die Gäste. "Die Stimmung war super", fasst die Kassiererin der Kerbegesellschaft Wallau 1966 die letzten Tage zusammen. Auch wenn es nicht mehr die Masse sei, die früher den Weg zu den Veranstaltungen gefunden habe. Donnerstag war Bodo Bach aufgetreten, freitags "Eine Band namens Wanda". Am Samstag hatten ortsansässige Vereine zum Heimatabend geladen, darunter auch das beliebte Männerballett. Um die Kerb am Laufen zu halten, lässt sich das Team immer mal wieder etwas Neues einfallen. So gibt es bereits zum dritten Mal sogenannte Firmentische beim Frühschoppen am Montag ab 12 Uhr. "Früher durften die Arbeitnehmer ja schon mittags ihre Arbeit niederlegen und ins Festzelt gehen." Das habe in den vergangenen Jahren nachgelassen. So lade man die Firmen ein, ihre Mitarbeiter zum Mittagstisch einfach ins Festzelt zu schicken. Mit Erfolg. Ab 14 Uhr trete der Tastenpeter auf, es gebe familienfreundliche Preise. Dienstag sei Abbautag, abends dann die Beerdigung der "Waller Kerb", am Friedhof in kleiner Runde.

Für Liesel Heinisch ist die Kerbesaison noch lange nicht zu Ende. "Erst kommt die in Delkenheim, dann die in Erbenheim", sagt sie. Auch nach Wallau wird sie wieder kommen, im nächsten Jahr. Hammel Manfred hat bis dahin bestimmt noch mehr Nachwuchs gezeugt.

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