Ich war lange genug unter der Erde

Der Arzt ließ ihm keine Chance: „Strissel“-Wirt Müller musste schließen

Jürgen Müller war Börsenmakler, bevor er in die Gastronomie einstieg. Zwei Frauen, eine Andalusierin und eine Elsässerin, lehrten in das Kochen.

Hofheim. Strissel-Wirt Jürgen Müller hat zum letzten Mal die Kerzen in seinem Gewölbe-Lokal angezündet. Künftig ist er nur noch Rentner. Foto: Nietner Eigentlich wolle Jürgen Müller noch zwei, drei Jahre machen und das "Strissel" dann an einen Nachfolger übergeben. Aber dann ging es ganz plötzlich. "Der Arzt hat mir gesagt, entweder über oder unter der Erde. Da habe ich mich für über der Erde entschieden", begründet er den plötzliche Aus für die Gewölbekneipe, die in ihrer Art einzig in Hofheim war und schon viele Jahre auf dem Buckel hat. Zuerst mit einem Korsen als Chef, der sich ein italienisches Restaurant eingerichtet hatte, die vergangenen zehn Jahre dann mit dem Frankfurter Jürgen Müller, der sich auf elsässische Weine und elsässische Küche spezialisiert hatte. Auch der Name "Strissel" ist elsässisch und heißt "Sträußchen".

Börsenmakler

Eigentlich sei er ja Seiteneinsteiger, erzählt Müller. Nach der Bankenlehre arbeitete der heute 66-Jährige als Börsen- und Devisenmakler. "1992 war Schluss. Jeden Tag den Stress mit 15 Telefonen, und immer muss man blitzartig reagieren. Da konnte ich nicht mehr." Jürgen Müller zog nach Mallorca. Nach ein paar Jahren wollte er zurück in die Heimat, zog erstmal nach Hattersheim, dann nach Kriftel, später nach Unterliederbach. Heute wohnt er in Langen. Seine Lebensgefährtin hat dort eine Arztpraxis.

In die Gastronomie geriet er mehr durch Zufall. Auf Mallorca hatte ihm eine Andalusierin in die Geheimnisse der spanischen Küche eingeweiht. Die, so dachte er sich, könne er ja nutzbringend anwenden. "Zwei Jahre lang hatte ich ein Tapasrestaurant in Frankfurt, dann bot sich Hofheim an", erzählt Müller. Er ließ das alte Kellergewölbe wie es war, selbst die korsische Flagge des Vorgängers ist noch an die Wand gepinselt zu sehen, und peppte es nur noch mit einigen Weinregalen auf. Die Patina wirkt, als sei sie aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, aus der auch das Gewölbe aus Ziegel und Bruchstein ist. Sehr urig und sehr gemütlich.

Wandern und essen

Wieder war es eine Frau, die ihm die Richtung des Restaurants vorgab. "Ich bin früher mit Freunden gern im Elsass wandern und essen gegangen. Das war immer sehr schön und sehr gut." Eine alte Elsässerin ließ ihn dann mal beim Kochen in die Töpfe gucken. Einige der Geheimnisse merkte er sich, beispielsweise, wie man leckeren Flammkuchen macht. "Der Flammkuchen wurde hier zu unserem Lebenselixier", schätzt Müller den Stellenwert des Elsässer Teigfladens für das "Strissel" ein. Bis es soweit war, dauerte es aber. "Ein Jahr musste ich kämpfen, dann lief es", erinnert sich der Wirt an den Anfang. "Die Hofheimer sind ein anspruchsvolles und verwöhntes Publikum." Seht gut lief es dagegen mit den Nachbarn. "Die Geschäftsleute und Anwohner hier sind sehr tolerant und hilfsbereit, haben über viele meiner Anfangsfehler hinweggesehen und mir immer geholfen", ist Müller ihnen dankbar. Und auch von vielen seiner Gäste hätter er sich gern persönlich verabschiedet. "Einige Stammgäste sind noch gekommen, ein paar haben sogar geweint, weil ich gehe", sagt er. Aber die Alternative des Arztes war eindeutig. "Ich war jetzt lange genug unter der Erde", zieht Müller den Schlusstrich.

Selbst gekocht

Zu dritt haben sie den Laden geschmissen: Müller, ein Koch und eine Bedienung, im Sommer, wenn der Hof geöffnet war, noch mit einer zusätzlichen Aushilfe. "Anfangs hab ich auch noch selbst gekocht, aber das ging dann nicht mehr", erzählt Müller, dessen "Strissel" eines der ersten Lokale in Deutschland war, das "Krimidinner" bot. Heutze ist das ein Renner quer durch die bessere deutsche Gastronomie. "Werner Gawlik und ich haben irgendwann mal bei einer Flasche Wein bis nachts um drei in einer Ecke des Lokals gesessen. Dabei ist die Idee entstanden, die Krimis des Hofheimer Autors, der hier gerade um die Ecke wohnt, mal aufzuführen", erzählt Müller. Die Idee war Gold wert. "Die Aufführungen waren meist zu 100 Prozent ausgebucht."

Eigentlich waren die Termine schon bis Mai festgelegt. Und auch die von Bernd Hasel organisierten Jazz-Konzerte sollten in diesem Jahr wieder im Sommer im Hof und im Winter gelegentlich im Keller stattfinden. "Es tut mir ja sehr leid, dass das jetzt alles platzt", bedauert Müller, "aber es geht einfach nicht mehr". Die Kraft sei weg. "Ich bin jetzt nur noch Rentner." Dabei hofft er, dass er einen Nachmieter findet, der nicht nur das Lokal übernimmt, sondern möglicherweise auch Krimidinner und Jazzkonzerte und seinen vielen Stammgästen vielleicht eine neue Heimat bietet, denn denen sei er "sehr dankbar für die schöne Zeit, die ich mit ihnen verbracht habe".hpo

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