Kein Religionsunterricht an staatlichen Schulen

Kritik vom Bund der Konfessionslosen und Atheisten an Papst-Besuch und der Rolle der Kirchen in Staat und Gesellschaft

Mehr als 60 000 Gläubige im Olympiastadion von Berlin, ein vielbeachteter Auftritt im Deutschen Bundestag: Der Papst hat bei seinen Auftritten in Deutschlands Gläubige und Politiker mobilisiert. Auf der anderen Seite gab es auch viele kritische Stimmen gegen den Besuch des Oberhaupts der Katholiken. Eine von ihnen gehört René Hartmann. Der Oberurseler ist Vorsitzender des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA). TZ-Mitarbeiter Klaus Späne hat mit ihm gesprochen.

René HartmannHerr Hartmann, es ist wohl nicht anzunehmen, dass Sie in den vergangenen Tagen irgendwelche "Wir sind Papst-Gefühle" hatten. Interessierte Sie der Besuch überhaupt oder ließ er Sie kalt?

RENÉ HARTMANN: Davon kann man ausgehen, dass ich keine solchen Gefühle hatte. Im Prinzip hätte mich der Besuch kalt lassen können, wie er auch einen Großteil der Menschen hierzulande nicht interessierte. Aber es handelte sich nicht um eine private oder rein kirchliche Angelegenheit, sondern um ein Politikum. Das zeigte allein der Auftritt im Bundestag.

Was störte Sie und Ihre Organisation an der Rede von Benedikt im Bundestag?

HARTMANN: Wir als IBKA fordern einen weltanschaulich neutralen Staat. Das heißt aber nicht, dass er atheistisch sein muss. Mit dem Auftritt im Bundestag waren wir nicht einverstanden, weil hier Politik und Religion miteinander vermischt wurden. Das gilt übrigens auch für andere Bereiche wie Schulen oder Universitäten. Der Religionsunterricht gehört unserer Meinung nach nicht in die staatlichen Schulen, das ist Sache der Kirchen. Auch die theologischen Fakultäten an den Universitäten sind der kirchlichen Lehre verpflichtet, werden aber vom Staat bezahlt.

Kollegen von Ihnen hatten in Berlin Großplakate aufgehängt. Darauf war zu sehen, wie ein Kleriker sich mit Geldsäcken auf die Arche Noah gerettet hat, während hilfesuchende Menschen in den Fluten untergehen. Was bezwecken Sie mit solchen Aktion?

HARTMANN: Ziel ist es, darüber aufzuklären, in welch erheblichem Ausmaß die Kirche vom Staat bevorteilt und finanziell unterstützt wird. Den Großteil der eingenommenen Steuern verwenden die Kirchen für eigene Zwecke, in erster Linie für Personalkosten. Für öffentliche soziale Zwecke geben sie nur etwa zehn Prozent der Kirchensteuereinnahmen aus. Gleichzeitig erhalten sie rund 19 Milliarden Euro jährlich an staatlichen Zuschüssen aus Steuermitteln, die wir alle bezahlt haben. In Nordrhein-Westfalen und Bayern werden auch kirchliche Funktionäre direkt vom Staat bezahlt.

Jetzt gibt es aber kirchliche Einrichtungen wie zum Beispiel Kindergärten, Kindertagesstätten oder Seniorenheime, die eine wichtige soziale Funktion haben. Ist dagegen auch etwas einzuwenden?

HARTMANN: Das Problem ist weniger, dass die Kirchen Kindergärten unterhalten, sondern dass sie als Betreiber generell privilegiert sind. So können die Kirchen zum Beispiel Beschäftigte entlassen, wenn sie gegen kirchliche Grundsätze verstoßen. Außerdem dominieren in vielen Regionen kirchliche Einrichtungen. Der Staat delegiert hier Aufgaben einfach an die Glaubensgemeinschaften, wo er doch selbst dafür zuständig wäre.

Noch einmal zurück zum Besuch von Papst Benedikt in seiner alten Heimat. Viele Menschen, die zu den Veranstaltungen gegangen sind, taten dies aufgrund ihres Glaubens. Was halten Sie davon?

HARTMANN: Das ist eine grundsätzliche Glaubensfrage. Grundsätzlich sind wir für Religionsfreiheit. Unsere Kritik gilt aber dem Umfang der öffentlichen Finanzierung des Papstbesuchs. Das gilt übrigens auch für Kirchentage, die mit weit über 50 Prozent aus öffentlichen Mitteln von Bund und Land bezahlt werden. Wir sehen hier eine Schieflage, wenn Weltanschauungen und Konfessionen mit Steuergeldern gefördert werden, die übrigens auch von Atheisten und Konfessionslosen bezahlt werden.

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