Radelnd in den (Un)Ruhestand

Horst Freunds sagenhafte Karriere vom Staubsaugervertreter zum Magistratsdirektor

Kaum einer kennt das Innenleben der Stadtverwaltung so gut wie der langjährige Magistratsdirektor Horst Freund. Unvorstellbar, dass der Mann jetzt in den Ruhestand gegangen ist.

Von Marc Kolbe

Bad Homburg. Sobald die Temperaturen wieder fahrradfreundlich sind, wird sich Horst Freund seinem liebsten Hobby widmen. Zeit dafür hat er jetzt. Foto: Reichwein Er hat fünf Oberbürgermeister, vier Bürgermeister, sieben Stadtverordnetenvorsteher und etliche Stadträte miterlebt. Er hat an etlichen Verwaltungsreformen mitgearbeitet, Sportveranstaltungen organisiert und den "Bad Homburger Sommer" mit etabliert. Außerdem hat er – und das wissen heute nicht mehr allzu viele Bad Homburger – rund 300 Paare getraut und über 1000 Geburten, Sterbefälle und Adoptionen beurkundet. Kurzum: Horst Freund hat über Jahrzehnte hinweg das Gesicht der Bad Homburger Stadtverwaltung entscheidend mitgeprägt.

Erstaunlich ist, wie oft der Zufall bei der Karriere des 65-Jährigen eine Rolle gespielt hat. Hätte der Bürgermeister seiner damaligen Heimatgemeinde Schwalbach nicht den Hausmeister seiner Schule ausgesandt, um den Jahrgangsbesten eine Lehre in der Verwaltung schmackhaft zu machen – wer weiß, in welchem Beruf der gebürtige Maxdorfer (nahe Bad Dürkheim) sonst gelandet wäre. "Doch als es hieß, man könne sogar Inspekteur werden, klang das für mich als 14-Jähriger, als ob ich Ministerpräsident werden könnte", erinnert sich Freund an die Anfänge seiner Verwaltungslaufbahn.

Nach Bad Homburg kam er über die Freundin einer Freundin eines Freundes. Zu diesem Zeitpunkt arbeitete der damals 23-Jährige – nach seiner Zeit beim Bund – als Staubsaugervertreter für Vorwerk, "für die schnelle Mark". Er bewarb sich bei der Stadt, wurde vom damaligen Personalchef Schorsch Wehrheim bei Streuselkuchen zum Tunken unter die Lupe genommen und wurde 1. Mai 1969 städtischer Angestellter. Nach zwei Jahren im Wahlamt, wo er es gleich mit der versiebten Kommunalwahl 1970 zu tun hatte, wechselte Freund ins Standesamt und wurde mit 25 Jahren der jüngste Standesbeamte in Hessen.

Breite Samtfliege

Damals trugen die Standesbeamten noch Talar. Für den jungen Horst Freund mit langen Haaren, Schnauzbart und Koteletten war klar: "So was ziehe ich nicht an!" Stattdessen etablierte er den dunklen Anzug mit breiter silbergrauer Samtfliege. Sein Amtsleiter Richard Waluga zürnte, aber die jungen Paare in Bad Homburg waren begeistert von dem jungen Mann, der die Zeremonie ein wenig lockerer zelebrierte.

Die nächste Station war das von Stadtrat Dietmar Vogel neu ins Leben gerufene "Amt für Kultur, Sport und Freizeit". Vogel hatte festgestellt, dass es in der Kurstadt an der Kultur krankt, und Freund fand den Sport "etwas dröge, immer nur Fußball".

Es wurde eine dynamische Zeit, in der viele neue Veranstaltungen ins Leben gerufen wurden. Unter anderem wurden das noch heute stattfindende Radrennen und der erste "Bad Homburger Sommer" etabliert. Freund: "Es war traumhaft, als Chris Barber schließlich im Kurpark auftrat."

Doch es gab auch unschöne Momente, zum Beispiel während des Korruptionskandals, von dem auch etliche Kollegen betroffen waren. "Einige musste ich in der U-Haft besuchen", erinnert sich Freund. Schwierige Entscheidungen mussten damals gefällt werden. Was Freund aus dieser Zeit mitgenommen hat? "Gerade im Bereich Personal braucht es mehr als nur ein hohes Fachwissen." Die Kollegen kämen mit "dem ganzen Spektrum menschlicher Probleme" auf einen zu. "Da braucht man auch jede Menge sozialer Kompetenz."

"Spaß gemacht"

Unter OB Reinhard Wolters (CDU) gehörte er Ende der 90er-Jahre dem Organisationsteam an, das sich mit einer Verwaltungsreform beschäftigte. Letztlich ging es um eine komplette Neuorganisation der Stadtverwaltung – die Reform hat bis heute Bestand. Dass jetzt der Bürgerservice abgeschafft werden soll, hält Freund nicht für den "glücklichsten Schritt".

Abwahlen von Dezernenten, Annullierungen von OB-Wahlen und Reibereien zwischen Hauptamtlichen zum Trotz, Freund zieht nach 13 Jahren Homburger Rathaus ein rundum zufriedenes Fazit: "Es hat sehr viel Spaß gemacht." Und er bricht auch gleich noch eine Lanze für die Kollegen: "Wir haben im Rathaus viele gut ausgebildete Fachleute."

Karneval und Ski

Am vergangenen Dienstag gab es noch ein Gläschen Sekt, anschließend ging es nach Hause. Auf den "arbeitsfreien" Februar ist der passionierte Radsportler, der übrigens auch den RSC Bad Homburg aus der Taufe gehoben hat, gut vorbereitet. Unter anderem geht es zum Kölner Karneval und in den Skiurlaub. Und dann? Zumindest nicht die Füße hochlegen, das ist nicht das Ding von Horst Freund. Er hat da so die eine oder andere Idee, was er mit seinem unglaublichen Fachwissen noch so alles anstellen könnte. Und es wäre ja auch fast ein Frevel, nicht auf das Know-how dieses Mannes zurückzugreifen.

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