Der lange Lauf des Lebens

Seit 34 Jahren zieht, schiebt und trägt Dick Hoyt seinen gelähmten Sohn bei Marathons und Triathlons

Dick Hoyt leiht seinem Sohn Arme und Beine. Selbst den Ironman auf Hawaii hat das ungewöhnliche Duo so gemeistert. Eine Geschichte von grenzenloser Liebe und großen Opfern.

Von Erik Roos (sid)

Köln. Ein besonderes Gespann: Dick Hoyt (hinten) und Sohn Rick. Foto: Imago Es ist längst dunkel, als Dick Hoyt auf die Zielgerade einbiegt. Die meisten Zuschauer beim Ironman auf Hawaii sind nach Hause gegangen, doch einige haben gewartet. Stundenlang. Als Hoyt um die Ecke kommt, stehen sie auf, sie jubeln, einige haben Tränen in den Augen. Denn Dick Hoyt ist nicht allein. Vor ihm im Rollstuhl sitzt sein Sohn Rick, der seit der Geburt gelähmt ist. 16 Stunden lang hat sein Dad ihn gezogen, getragen, geschoben. Bis ins Ziel.

Dick und Rick Hoyt sind Inspiration und Motivation für behinderte Menschen weltweit. Seit 1977 hat das "Team Hoyt" aus Massachusetts mehr als 1000 Wettkämpfe bestritten, darunter 240 Triathlons, viermal waren sie beim Ironman auf Hawaii am Start. Dabei kann Rick weder laufen noch schwimmen. "Ich leihe ihm meine Beine und Arme", sagt Vater Dick, der für seinen Sohn an die körperlichen Grenzen geht. Im Juni ist er 71 geworden, einen Ironman schafft er nicht mehr. Ab und zu ein Marathon, das muss reichen.

Es gibt ergreifende Videos der beiden aus Hawaii. Dick Hoyt, wie er seinen Sohn vier Kilometer in einem Schlauchboot hinter sich her zieht. Wie er ihn an Land trägt, auf einem Tandem festschnallt und 180 Kilometer durch die endlose Landschaft fährt. Und wie er seinen strahlenden Sohn schließlich nach 42,195 Kilometern in einem Spezial-Rollstuhl über die Ziellinie fährt. "Ich habe bei diesen Bildern hemmungslos geweint, aber ich schäme mich nicht", lautet nur einer der unzähligen Kommentare.

Die unglaubliche Geschichte der Hoyts beginnt 1962. Als Rick zur Welt kommt, schnürt die Nabelschnur seine Sauerstoffzufuhr ab. Diagnose: Frühkindliche Hirnschädigung. "Die Ärzte sagten uns: Bringen Sie ihn ins Heim. Er wird sein Leben lang dahinvegetieren", erzählt sein Vater. Doch der Oberstleutnant der US-Nationalgarde will seinem ersten Sohn ein normales Leben ermöglichen.

Mit elf Jahren erhält Rick einen Computer, endlich kann er kommunizieren. "Wir haben Wetten über seine ersten Worte abgeschlossen. Ich habe auf ’Hi, Dad’ getippt. Seine Mutter auf ’Hi, Mum’. Aber er schrieb ’Go, Bruins’", erzählt Hoyt mit einem Lachen – das Eishockey-Team aus Boston war im Januar 1973 amtierender Stanley-Cup-Champion: "Von da an wussten wir, dass Rick ein Sportfan ist."

Wenig später bittet er seinen Vater, mit dem Rollstuhl bei einem Wohltätigkeitslauf zu starten. Dick zögert, sagt aber zu: "Jeder dachte, wir würden nur um die Ecke laufen und dann umdrehen. Aber wir haben die fünf Meilen bis ins Ziel geschafft. Und wir sind nicht Letzter geworden." Wieder zu Hause schreibt Rick: "Während des Rennens fühlte ich mich, als sei meine Behinderung verschwunden." Ein Satz, der ihr Leben verändert.

Während der Sohn für die Schule lernt, packt Dick Zementsäcke in den Rollstuhl und trainiert stundenlang für den Boston-Marathon. Zweimal wird ihnen dort das Startrecht verweigert, sie schummeln sich trotzdem ins Feld. Beim dritten Mal schaffen sie ganz offiziell die geforderte Qualifikationszeit von 2:50 Stunden: Dick schiebt seinen Sohn in 2:45:23 Stunden ins Ziel, auch für "normale" Läufer eine nur schwer erreichbare Zeit. Es folgen die ersten Triathlons, das Team ist nun fast jedes Wochenende unterwegs. Auch der Ehrgeiz wächst, der Ironman auf Hawaii wird zum Höhepunkt.

Doch der Einsatz fordert seinen Tribut. Die Ehe der Hoyts zerbricht, und auch die Gesundheit spielt irgendwann nicht mehr mit. Heute muss Dick auf der Strecke häufig pausieren, die Ärzte warnen immer wieder. "Ich gehe nicht mehr zu ihren Rennen. Ich möchte nicht dabei sein, wenn er eines Tages auf der Straße liegen bleibt", sagte zuletzt Dicks Schwester Barbara.

Doch noch läuft und rollt es, das Team Hoyt. Am 14. August in Falmouth, am 21. August in Sturbridge, es geht immer weiter. "Mein Vater ist der Dad des Jahrhunderts. Ich mag behindert sein, aber ich habe ein ausgefülltes Leben", schrieb Rick einmal in seinen Computer. Dann wurde er gefragt, was er machen würde, wenn er gesund wäre. "Vielleicht Baseball oder Basketball spielen", antwortete Rick Hoyt: "Aber wenn ich es mir genau überlege: Als erstes würde ich meinen Vater in den Rollstuhl setzen. Und dann würde ich ihn einmal schieben."

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