Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 25.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Vince Ebert: Witzig & wahr
Vince Ebert
Wenn mir langweilig ist, habe ich ein kleines Ritual. Ich rufe einen Freund an und brülle in den Hörer: «Ich sitze gerade im Quiz-Taxi!!!» Und dann stelle ich eine Frage, die mich schon immer mal interessiert hat.
Dank des Telefons können wir mit Menschen reden, die wir nicht sehen wollen. Fernsehen dagegen bietet uns die Möglichkeit, Menschen zu sehen, mit denen wir nicht reden wollen. Schnurlose Fernsehgeräte kann man sogar problemlos im Hobbykeller aufbauen, während man im Wohnzimmer ein Buch liest. Zusätzlich empfehlen Bildungsexperten, stets eine geschlossene Tür zwischen Bildschirm und Augen zu platzieren. Auf die Frage «Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Erfindung der Neuzeit?» antworteten die meisten von ihnen: «Der Ausschaltknopf vom Fernseher.»
Das vielleicht größte Missverständnis unserer Zeit ist der Glaube, dass Fernsehen ein Informationsmedium ist. In Nordkorea wissen die Leute nichts, weil es keine freie Presse gibt. In Deutschland wissen die Leute ebenfalls nichts, weil sie vom Fernsehen permanent mit belanglosen Informationen zugebombt werden.
Früher hat man zum Beispiel bei Sportübertragungen einfach nur Sport übertragen. Heute erfahre ich alles. Aber es interessiert mich nicht, ob die Mutter des Schlagmannes des Deutschlandachters eine Chemotherapie hatte, seine Schwester ein Glasauge und der Großvater väterlicherseits bei einem Unfall mit einem Mähdrescher traumatisiert wurde. Ich wünsche mir, dass das Fernsehen den Zuschauern nur einmal den Nahostkonflikt mit der Intensität erklärt, mit der RTL in ein Formel 1-Wochenende geht.
Doch die einzige Grundregel von vielen Fernsehmachern scheint zu lauten: Das Format darf höchstens so interessant sein, wie der Mitschnitt einer Überwachungskamera einer durchschnittlichen Drogeriefiliale. Ein großer Privatsender entwickelt zur Zeit die Show «Deutschlands dümmster Bundesstaat». Am Anfang sind noch alle 16 dabei, jede Woche fliegt dann der jeweils Klügste raus. Nach Promi-Dinner, Promi-Pokern und Promi-Wer-Wird-Millionär gibt es demnächst «Die große Lottoshow». Prominente tippen Zahlen. Wow!
Und die Öffentlich-Rechtlichen ziehen munter nach. ZDF und ARD werden mit über sieben Milliarden Euro subventioniert. Dafür bekommt der Gebührenzahler den Bergdoktor, das Musikantenstadl oder Polit-Talks mit Anne Will, in denen man dem Bürger seine verfassungsmäßig garantierte Grundversorgung an Desinformation bietet. An einem Samstagabend waren die Top-Themen in den ZDF-«heute»-Nachrichten: ein Erdrutsch in Sachsen-Anhalt, die Schweinegrippe auf Mallorca, das Verbot der Himmelslaternen in Nordrhein-Westfalen. Schick aufbereitet in einem neuen 30 Millionen teuren Designer-Studio, in dem man pseudo-lockere Anmoderationen und hereinschwebende Computergraphiken mit investigativem Journalismus verwechselt.
Heute werden im Fernsehen Kinder erzogen, Schulden abgebaut, Partner gesucht, Wohnungen umdekoriert, Essgewohnheiten umgestellt oder Bewerbungen geschrieben. Neudeutsch spricht man von Helptainment-Sendungen. In Wirklichkeit wird den Menschen dort natürlich in keinster Weise geholfen. Denn die Ergebnisse der vermeintlichen Lebenshilfe sind keine Eigenleistung des Betroffenen. Sie sind nur deshalb zustande gekommen, weil ein fünfköpfiges TV-Team in das Geschehen eingegriffen hat. «Du ich hab’ keine Ahnung, wie ich die Tütensuppe aufreißen soll.» «Dann guck doch mal bei RTL II rein. Die haben dafür extra so ’nen Coach...»
Genaugenommen müsste es neben dem Wort «radioaktiv» auch noch das Wort «fernsehaktiv» geben.
Der Kabarettist Vince Ebert schreibt regelmäßig in der FNP. Mehr von ihm unter http://www.fnp.de/vince/


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