27.08.2009

Bis zum Zusammenbruch

Von Wolf Scheller

«Atemschaukel» ist ein beklemmender Roman über die infernalischen Filialen des Gulag-Systems.

Leopold Auberg, der Ich-Erzähler im Roman, ist 17, als ihn die Russen aus Hermannstadt verschleppen. Die Großmutter sagt ihm: «Ich weiß, du kommst wieder.» Leo kommt wieder – nach fünf Jahren Haft und Zwangsarbeit in der russischen Steppe. Das Lager heißt Nowo-Gorlowka und liegt in der Ukraine. Es ist eine jener Stätten, in denen Tausende und Abertausende namenlos verreckten: erschlagen, erschossen, verhungert, zusammengebrochen unter der Folter.

Der Dichter und Büchner-Preisträger Oskar Pastior hat ein solches Lagerschicksal durchlitten, und Herta Müller, die mit ihm bis zu seinem Tod vor drei Jahren eng befreundet war, hat aus seinen Erzählungen das Basismaterial für diesen Roman gewonnen. Es ist ein durch seine Schwärze tief beeindruckendes Buch, dem man zwar anmerkt, dass es mit einer Authentizität aus zweiter Hand arbeitet, dessen Sprachton und poetische Dimension die Autorin aber auf der Höhe ihrer Meisterschaft zeigen.

Von den Sowjets deportiert

Herta Müller, 1953 in Nitzkydorf in Rumänien geboren, hat mit «Atemschaukel» weder einen historischen noch einen Schlüsselroman geschrieben. Es geht ihr darum, den Lagerterror überhaupt erst einmal wahrzunehmen, nachdem es jahrzehntelang tabu war, die an den Rumäniendeutschen verübten Verbrechen ins Wort zu setzen. Nach der Niederlage Deutschlands wurden alle 17- bis 45-jährigen Rumäniendeutschen von den Sowjets deportiert. Sie wurden dafür verantwortlich gemacht, dass sich ihr Land unter Marschall Antonescu mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündet hatte und Hitler militärisch unterstützte. Dass es unter den Siebenbürger Sachsen und den Banater Schwaben auch Anhänger Hitlers gab, wird von Herta Müller nicht verschwiegen.

Nach dem Krieg durfte hierüber in Rumänien nicht gesprochen werden. Auch Leopold Auberg wird nie erfahren, warum man ihn abgeholt und ins Lager gesteckt hat. Dass er von zu Hause weg muss, ist ihm zunächst auch gar nicht unwillkommen. Er weiß, dass ihm weder die Familie noch der Staat seine nächtlichen homosexuellen Kontakte im Stadtpark von Hermannstadt hätten durchgehen lassen.

Zwölf Tage dauert für die Deportierten die Fahrt im Viehwaggon, bis sie nachts irgendwo in der russischen Steppe ankommen. Zu dem Zeitpunkt haben sie bereits wesentliche Teile ihrer Menschlichkeit eingebüßt. Den Rest besorgen der Lageralltag und der jeden einzelnen ständig begleitende «Hungerengel» in der «Hautundknochenzeit»: «Denn in der Dreieinigkeit von Haut, Knochen und dystrophischem Wasser sind Männer und Frauen nicht zu unterscheiden und geschlechtlich stillgelegt . . . die Halbverhungerten sind nicht männlich oder weiblich, sondern objektiv neutral wie Objekte – wahrscheinlich sächlich.»

Die Systeme des Terrors

Mit der ihr eigenen Metaphorik macht Müller, die Erschütterungen durch die Terrorsysteme des 20. Jahrhunderts lesbar. Mit ihrer Sprachhaltung will sie Zeugnis ablegen. Es fehlt ihr die undogmatische und unaufgeregte Handhabung eines Imre Kertész. So kommt es, dass mitunter die Tonalität ihres Vokabulars auf befremdliche Weise in eine kindliche Sprachweise rutscht, vom «schunkelnden» Tod spricht oder von Sterbenden mit einem «Totenäffchengesicht».

Die Lagerzeit wird ausgebreitet in kleinen Kapiteln voll kühner, realistischer Prosa. Die Figuren sind teils bizarr: der grandios böse Kapo Tur Prikulitsch oder der Brotdieb Karli, dem seine Mithäftlinge alle Zähne ausschlagen und dann auf ihn urinieren. Oder der jüdische Zitherspieler David Lommer, der versehentlich deportiert wurde.

Von Leopold Auberg heißt es am Schluss, er sei ein «Nichtrührer», still und schweigend: «Einmal lag unter dem weißen Resopaltischchen eine staubige Rosine. Da habe ich mit ihr getanzt. Dann habe ich sie gegessen. Dann war eine Art Ferne in mir.» Keine Frage: Herta Müller ist mit diesem Buch ein Stück Weltliteratur gelungen, das eines der düstersten Kapitel des 20.Jahrhunderts in unser Gedächtnis zurückholt.

Herta Müller: «Atemschaukel». Carl-Hanser-Verlag, München. 300 S.,19,90 Euro.

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