Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 18.02.2012 als PDF zum Downloaden.
Es bebt der Busen und ereifert sich der Tugendbold
Auf einer Doppel-CD mit dem Titel «Sex and Crime» liest Michael Quast deutsche Balladen.
Wie haben die Zuschauer früherer Zeiten, bevor es Fernsehen gab, nur ihr Leben ertragen? Sie vertrieben sich das Warten auf die Flimmerkiste mit Balladen. Im Prototyp der Soap-Opera geht es fast wie heute bevorzugt um entjungferte Pfarrerstöchter, ermordete Pagen, lüsterne Spielmänner und immer, immer wieder bebende Busen. «Sex and Crime» ist beileibe nicht ihr einziges Thema, aber das massenwirksamste.
Also nannte Michael Quast, Kabarett-Genie der Stimmen und Geräusche, seine Doppel-CD mit Balladen von Matthias Claudius bis Wedekind und Ludwig Thoma (kein Brecht, leider) «Sex & Crime».
Wer nun meint, unter 31 rezitierten Stücken sei vor lauter Quast nicht mehr viel Goethe, Schiller und deren dichtende Klassiker-Compagnie (Geibel, Hölty, Uhland, Hebbel, Mörike, C. F. Meyer, Lenau, Eichendorff, Novalis, Platen, Heine) übrig, der irrt. Zwar durchtönt Quast das hohle Tugendpathos und das überlebte Rollenverständnis unschuldiger Dämchen und bedrohter Knaben, wo immer er es antrifft, indem er die unfreiwillige Komik akzentuiert. Nicht umsonst enthält «Sex & Crime» Balladen von Wilhelm Busch, Ludwig Thoma und Frank Wedekind, die allesamt sensibel auf diesen Verfall der Bürgertugend im Gedicht reagierten und der Balladenform ein Nachleben als Parodie schenkten.
Wer einmal live erlebt hat, wie sehr Quast aufzudrehen vermag (eine Ahnung davon vermittelt hier nur Take 18, «Outtakes»), weiß aber auch, wie sehr er sich hier, im Joch der Klassiker, freiwillig zurücknimmt. Und es funktioniert. (dek)
«Sex & Crime. Balladen, gelesen und erlitten von Michael Quast». 2 CDs. Eichborn, 2004. 19,95 Euro.
Michael Quast stellt sein Werk gemeinsam mit der Hörfunkjournalistin Kathrin Fischer, die das Konzept entwickelte, am 13. Oktober um 20.30 Uhr in der Frankfurter Romanfabrik, Hanauer Landstraße 186, vor.
Zum 24. September 2011 gestalteten Schüler Ihre Zeitung. Alle erschienenen Artikel lesen Sie hier.

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