24.01.2011

Tod eines Schülers 1 Kommentare

Im Herbst 1903 stand der 23-jährige Andreas Dippold in Bayreuth vor Gericht. Er wurde beschuldigt, in seiner Funktion als Hauslehrer der beiden Berliner Bankiers-Söhne Heinz und Joachim Koch den älteren seiner Zöglinge bei einem Landaufenthalt im Fränkischen zu Tode geprügelt zu haben. Sowohl der Prozess als auch das Urteil – acht Jahre Haft – schlugen hohe Wellen.

Andreas Dippold war ein Jahr zuvor in die Dienste der Familie Koch getreten. Der damals 13-jährige Heinz und sein um zwei Jahre jüngerer Bruder erschienen dem aus einfachen Verhältnissen stammenden Jurastudenten als faule, verzärtelte Großbürgersprösslinge. Zudem warf er ihnen ausgiebige Onanie vor – nach der damals verbreiteten Auffassung ein Übel, das Heranwachsende irreversibel an Leib und Seele zerrüttete. Dass diesem Vergehen nicht ohne strenge Zucht – gemeint waren Strafe und Prügel – beizukommen war, wurde nur von ganz wenigen fortschrittlichen Pädagogen bestritten. Mit Zustimmung der für die Erziehung der Knaben zuständigen Mutter Rosalie Koch starte Dippold sein unbarmherziges Kontroll- und Drillprogramm.

Michael Hagner, Professor für Wissenschaftsforschung an der ETH Zürich, hat sich noch einmal alle verfügbaren Akten dieses historischen Falles vorgenommen. Er beschreibt, welche Bedeutung der Prozess in der damaligen Zeit für die Debatten innerhalb der Justiz, der Pädagogik und Psychiatrie erlangte. Als «Dippoldismus» ging eine bestimmte Form von Erziehersadismus sogar in die Fachliteratur ein. Hagner beleuchtet auch das zwiespältige Verhalten der Eltern Koch, die begreiflicherweise das größte Interesse daran hatten, ihre eigenen Versäumnisse zu bagatellisieren und stattdessen den Erzieher zu einem sadistischen Monstrum umzudeuten.

Parallelen zu heute

Was an dem Buch vor allem fasziniert, sind die unaufdringlichen Parallelen zu aktuellen Ereignissen, seien es die Debatten um unterschiedlich autoritäre Erziehungsstile und Reformpädagogik, um Sicherungsverwahrung von vermeintlich unverbesserlichen – früher sagte man «geborenen» – Verbrechern oder die Rolle der Presse im Strafprozess. Trotz gelegentlich theorielastiger Passagen ist «Der Hauslehrer» ein äußerst erhellendes Werk, das den Leser mit der Erkenntnis entlässt, für etliche der vor hundert Jahren virulenten Fragen noch heute keine befriedigenden Antworten gefunden zu haben.

Michael Hagner: «Der Hauslehrer. Die Geschichte eines Kriminalfalls». Suhrkamp, Berlin, 280 S., 19,90 Euro

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Kommentare

Jenniffer Menousek schrieb am 18.08.2011 08:22 Uhr

Ein Frage an sie (hat nicht viel mit dem buch zu tun)

Hallo, Mein Sohn ist jetzt in der 8. Schulklasse auf der Realschule. Seine Noten waren immer in Ordnung, aber inzwischen gehen die Noten in den Keller. Nun denke ich an eine Nachhilfe. Ich habe mir jetzt das bei www.web-netz24.de/rss.php?c=1&start=1&s=H durchgelesen. Habt ihr Kinder die Nachhilfe kriegen? Zeigt sie die gewünschten Resultate? Danke schon mal für jede Antwort!

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