04.10.2007

Vor dem Ruhm steht das gewöhnliche Leben

Die Ordnung der Worte

Von Thomas Neubacher-Riens

Der Norweger Pål H. Christiansen entlarvt in „Die Ordnung der Worte“ augenzwinkernd, wie chaotisch das Leben als Autor in Oslo sein kann.

Der Titel schwebt zwischen Foucaults „Ordnung des Diskurses“ und Sartres „Die Wörter“. So geistvoll sollte es in der Welt immer zugehen. Meint jedenfalls Hobo Highbrow. Der ist Schriftsteller und erklärt kraft dieser Autorität der Welt, was sie zusammenhält. Warum er mit seinem nächsten Roman über einen geduldigen Nistkastenbauer den Nobelpreis bekommen muss und warum das Riksmål-Wörterbuch von 1918 sowohl das Maß des Norwegischen als auch das einzig passende Versöhnungsgeschenk nach einem Beziehungsgewitter ist. Neben Hobo-Welterklärer schlurfen seine Kumpels Higgins und Haagen durch Oslo. Auch sie künstlern sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Mal mit Müllskulpturen, mal mit dem Saxofon auf dem Friedhof. Hobo selbst hat seit zehn Jahren nichts veröffentlicht; kann aber mit der Restauflage seines „Briefes“ immerhin die Wohnung auslegen. Schreibzeit hätte er: Holm, Chefredakteur bei Oslos Boulevardblatt „Verdens Gang“, hat ihn gefeuert. Hobo hat den Leitartikel frisiert.

Autor Christiansen lässt seinen Antihelden als schillernden und zugleich handfesten Freak durch Oslo schweben. Mal reiner Tor wie Parzival, mal verpennt und genügsam wie Herr Lehmann. Falls nötig, brutal wie Bukowski. Stets unverwüstlich durch den Glauben an die eigene Genialität.

Blind fürs Alltägliche, glaubt Hobo an sich, die Ordnung der Worte und daran, dass man heute noch „a-ha“ hören kann. Dann gerät sein Leben aus den Fugen. Erst verschwinden Schreibjacke und Sofa, dann Bücher aus der Wohnung. In der breitet sich neuerdings Spezi Haagen und damit das Chaos aus. Freundin Helle macht mit Bassist Hagbart rum, was den Liebenden zur Weißglut und in der Stammkneipe „Vier Hühner“ zum Angriff treibt.

Christiansens Erzählton ist leicht, ohne seicht zu wirken. Sein liebevoller und zugleich bitterer Humor wirkt schräg, weil Geistesmensch Hobo zwar die Sprache perfekt beherrscht, aber die Wirklichkeit, die sie beschreibt, so wenig im Griff hat. Er ignoriert notorisch die einzig entscheidende Veränderung in seinem Leben. Der Leser muss nicht lange rätseln. Helle faltet die Hände vor dem Bauch, lädt Hobo und ihre Eltern zum Dinner und streicht die Wohnung. Kinderwagen rollen durch Oslo. Hobo entdeckt ein neues Produkt in Hermanns Eckladen: „Windeln“.

Man kann den Roman nicht aus der Hand legen, bis man gelesen hat, wann und wie Hobo merkt, dass er Vater wird. Und was macht Christiansen, der fintenreiche? Er drückt sich vor der Szene. Doch er kneift so charmant und liebenswert, wie Hobo sich durchs Leben mogelt. Das Buch endet, wie es beginnt. Mit dem geduldigen Blick des weisen Hobo auf die Rätsel des Weiblichen: Morgentoilette und Chaos in der Handtasche.

Pål H. Christiansen: „Die Ordnung der Worte“, Rockbuch-Verlag, Schlüchtern. 240 S., 14,90 Euro

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