27.05.2010 Kultur

Literatur entsteht aus einem Suppenwürfel

Von Marcus Hladek

«Radikal gegenwärtig»: Mit Katharina Hackers «Die Erdbeeren von Antons Mutter» eröffnete im Opernturm das 5. Frankfurter Literaturfestival.

Noch hingen Kabel aus der Decke; kein Parkett verdeckte den Estrich. Dass die erste Gesprächslesung unter dem Festival-Motto «Radikal gegenwärtig – der zeitdiagnostische Roman» verspätet begann, lag nicht bloß darin begründet, dass der Opernturm noch nicht offiziell eröffnet ist und man sich noch orientieren muss. Das Publikum genoss erst ausgiebig den Panoramablick von den Terrassen im 41. Stock.

Bestimmend für die von Hubert Winkels moderierte Diskussion zwischen Autorin Katharina Hacker und den Literaturwissenschaftlern Albrecht Koschorke und Moritz Baßler wurde der eifrig hin- und hergewendete Begriff des Realismus. Hacker hat sich in ihren Büchern stets um Zeitgenossenschaft bemüht. Handelte ihr hochgelobter, 2006 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman «Die Habenichtse» von einem jungen und erfolgreichen, doch kinderlosen und traurigen Paar um die 30, das desorientiert mit leeren Händen dasteht, so machte «Alix, Anton und die anderen» die Protagonisten und deren Freunde zehn Jahre älter, trauriger und ratloser.

Hackers neues Buch, «Die Erdbeeren von Antons Mutter» (S. Fischer), führt abermals Menschen vor, die festhalten wollen, was zu entgleiten droht, jetzt am Beispiel der Eltern Antons in der Provinz. Seine demente Mutter hat das jährliche Ritual des Erdbeerenaussetzens vergessen, ein Verfallssymptom, über das er sie aus Mitleid betrügt. Sein eigenes Glück in der engen privaten Welt der Liebe zu Lydia wird vom Einbruch der Außenwelt in Gestalt eines unbürgerlichen Söldners überschattet, dem Lydia vor Zeiten sexuell hörig war.

Nach Kulturdezernent Felix Semmelroths Grußwort in Sachen Wirklichkeitsbilder und Finanzkrise siedelte Moderator Winkels den Abend zunächst «auf Augenhöhe» mit den umgebenden Banktürmen an, um zu fragen, wie Literatur der «extrem komplexen und abstrakten Abläufe» im Finanzsektor habhaft werden könne. Von Katharina Hacker wollte er wissen, ob sie als Frankfurterin nach Berlin gezogen sei, weil es «die gegenwärtigste Stadt Deutschlands» sei. Nüchterne Antwort: Die Stadt ihrer Wahl, «wo ich alt werden und sterben könnte», sei Berlin der Größe wegen, die sie immer neue unbekannte Ecken entdecken lasse. Berlin, groß genug zum Sterben? Das sollte Frankfurtern gefallen. Ihr Fortschreiben von Geschichten im neuen Roman, so Hacker, sei der Mühe geschuldet, einen dichten «Brüh- oder Suppenwürfel» zu entwerfen: Die Figuren wolle sie nun behutsam in ihrer weiteren Entwicklung begleiten.

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