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Ratten sind auch nur Menschen
Buh- und Jubelstürme für den Bayreuther „Lohengrin“ von Hans Neuenfels
Laborversuch in klinischem Weiß: Annette Dasch als Elsa, umgeben von einem Ratten-Chor.
Von Andreas Bomba
Bayreuth. Provokant, bildgewaltig und ein bisschen rätselhaft: Die Eröffnungspremiere der Wagner-Festspiele spaltet das Publikum.
Schon im Vorspiel geht der Vorhang auf. Richard Wagner und Regisseur Hans Neuenfels haben viel zu erzählen, keine Zeit ist zu verlieren. Wagner sendet seinen Lohengrin als Erscheinung für Liebe, Sehnsucht, Erlösung – in einer «höheren Natur», wie er schreibt. Neuenfels steckt ihn ins Labor. Oder besser: Im Labor, das Gesellschaft heißt, stecken die Menschen – als Ratten getarnt. Sie beobachten lieber und fuchteln mit den Händen als zu handeln. Lohengrin versucht nichts anderes als, zu den zerbrechlichen Klängen des Vorspiels, in diesen aseptisch weißen Raum hineinzukommen. Warum?
So beginnt eine lange Reihe von Rätseln. Ja, die Bilder irritieren: Reinhard von der Tannens klinische Bühne, seine surrealistischen Kostüme zuerst. In den Plumpsäcken mit fein gesponnenen Rattenköpfen aber stecken Menschen, wenn auch ohne Individualität. Über diese verfügen nur die sechs Hauptakteure; einer, der Schlagetot Telramund, verliert diesen Status zum Schluss. Er wird als Ratte erschlagen. Das Menschsein muss man sich verdienen und erhalten!
Kampf mit den Aufsehern
Die Tiere sind schlau und anpassungsfähig; rasch entledigen sie sich ihrer Haut und stecken plötzlich als brabantische Jubelkohorten in knallgelben Fräcken oder als Kämpfer in schlammgrauen Uniformen. Dass sie zu diesen bühnentechnischen Kunststücken auch noch famos, differenziert, präzise und klangschön singen, ist eine von Chordirektor Eberhard Friedrich erarbeitete Meisterleistung.
Der Versuch, sich aus der Masse zu emanzipieren, hat auch komische Seiten. Hier versuchen zwei der Ratten auszubrechen und liefern sich ein Kämpfchen mit blasstürkis-bekittelten Aufsehern. Dort trippelt eine putzige Schar rosaroter Ratten über die Bühne. Das bereichert und entspannt die assoziationsreiche Erzählweise.
Nach den Massenszenen im ersten Akt haben im ebenso bilderreichen zweiten Ortrud und Telramund die Staatskarosse überfallen. Ihre Flucht wird wieder von Ratten gestoppt; man sieht den Rest einer schwarzen Kutsche und ein totes Pferd – wäre alles weiß, könnte es auch eine Metapher für das erstrebte und verhinderte Hochzeitsglück im dritten Akt sein. Dort ist das Brautgemach nun halbrund, apsisartig gesäumt. Elsa und Lohengrin, die beiden Fremden, haben sich zunächst einiges zu erzählen. Langsam um das noch abgesperrte Bett kreisend versuchen sie, sich näher zu kommen und entfernen sich doch immer weiter voneinander.
Diese Szene gehört zu den intensivsten der Aufführung, auch, weil in leisen, zweifelnden und sehr menschlichen Bewegungen und Töne nun doch Gefühle zum Vorschein kommen. Annette Dasch findet wunderbar warme und nuancenreiche Töne, die stabile Ausgeglichenheit ihres Soprans gerät in produktive Spannung zu der wenig selbstbewussten Elsa in Neuenfels’ Sicht. Jonas Kaufmann verfügt über enorme Spielräume in den Mezzavoce- und Pianissimo-Bereichen, die er mutig und intelligent dosiert. Der strahlende Tenor ist Mittel zu erregtem Ausdruck.
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