Die Titelseite der Frankfurter Neue Presse vom 26.05.2012 als PDF zum Downloaden.
Das karnevalistische A-Team
Blasen an den Händen und kalte Füße halten keinen echten Narren vom Bau der Motivwagen ab
Es geschieht überall im Taunus. Vorzugsweise in großen Hallen, aber auch in Garagen und auf Hinterhöfen. Die Fastnachtsvereine bauen an ihren Mottowagen. Größer, schöner, bunter – je ausgefallener, desto besser.
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Auch in Oberursel wird letzte Hand an die Motivwagen gelegt – hier befestigt Peter Wolff noch die Dusche für Loriots bekannte Badewannen-Szene. Foto: ReEs ist so kalt, dass sich mein Atem als kleines weißes Wölkchen in der Luft kräuselt – gerade noch ein Grad Celsius ist‘s. Alles, was nicht unter null ist, finden die Mitglieder der Carnevalsfreunde Usinger Land in Ordnung. Ich bin ein Weichei. Mich fröstelt es bereits, als ich den kleinen Feldweg gleich gegenüber dem Eschbacher Sportplatz hinaufgehe.
Vor der Tür der Feldscheune am Ende des Weges steht schon der Vereinsvorsitzende der Carnevalsfreunde Usinger Land, Uli Zwermann, und winkt. Das ist er also, der Ort, an dem Närrisches entsteht. Hier wird aus einem gewöhnlichen Tieflader mit einer Belastbarkeit von zehn Tonnen ein Mottowagen.
In der dank Oberlicht sehr hellen Scheune ist es nicht wärmer. Aber die Vollblut-Karnevalisten scheinen die Kälte nicht zu spüren. "Das macht die Zwiebeltechnik", sagt Zwermann und meint damit die vielen Schichten an Kleidungsstücken, die er übereinander trägt. Ich vermute aber, dass es in Wahrheit daran liegt, dass hier alle Feuer und Flamme für die Sache sind.
Aufgeregt wie ein Vater, der zum ersten Mal sein neugeborenes Kind präsentiert, deutet er auf den halb fertigen Wagen, der in einer Ecke der Scheune parkt, und fragt: "Na, wie finden Sie ihn?" Sein Gesicht strahlt. Mmmmm. Darf man frischgebackene Väter anlügen, falls sich "das hübscheste Baby der Welt" als verschrumpelter hässlicher Zwerg entpuppt? Wäre ja Notwehr. Obwohl mein Großvater ein Vollblut-Karnevalist war, muss ich mich an dieser Stelle wohl outen. Opa möge mir vergeben, aber es ist wahr, mir fehlt leider das Fastnachts-Gen. Doch als ich dann sehe, was Narrenhände hier vollbringen, rutscht mir nur ein einziges Wort heraus: "Wow!"
Der Bau eines Mottowagens ist bei den Carnevalsfreunden Usinger Land eine ziemlich große Sache. Der Verein selbst jedoch ist klein. Er zählt lediglich 18 Mitglieder und wurde 2004 von Uli Zwermann gegründet. Die Idee dahinter ist ganz simpel erklärt.
Traum wird wahr
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Bianca Fröhlich und Ottmar Armbruster sind bei den Usinger Narren die Blümchen-Maler. Foto: fms"Ich bin schon viele Jahre im Karneval aktiv und habe immer davon geträumt, einmal auf einem Prunkwagen mitzufahren", erzählt er. Den Traum erfüllte er sich in der Kampagne 2002/2003, als er der "Blumenprinz" des UCV (Usinger Carneval Verein) war – und seitdem jedes Jahr.
Mitstreiter waren schnell gefunden. 120 Euro zahlt jedes Mitglied im Jahr – und zwar nur für den einen Zweck: Mit dem Budget gestalten sie ihren Mottowagen. "Die zwei Monate Bauzeit, die genießen wir alle sehr, denn den Rest des Jahres sehen wir uns nicht so oft", so Zwermann.
Ehrensache, dass der Wagen jedes Jahr aufs Neue komplett demontiert und neu aufgebaut wird. Das einzige Teil, das immer mit dabei ist, ist das Schild mit dem Vereinslogo, das vorne am Traktor befestigt ist.
Über das jeweilige Motto wird ganz demokratisch abgestimmt. In dieser Saison haben sie sich für das Thema "Musikantenstadl" entschieden.
Es ist schwer, mit Worten zu beschreiben, welcher Anblick sich mir da bietet. Die Außenverkleidung des Wagens ist bereits fertig. Grüne Glanzfolie schmückt den "Bug", während das "Heck" so gestaltet wurde, dass es nach Mauerwerk aussieht. Bianca Fröhlich, Stephanie Wust und Ottmar Armbruster, mit 72 Jahren das älteste Vereinsmitglied, arbeiten an den Details der Außendekoration. Die drei stehen um zwei einfache Holzböcke herum, auf die sie Latten gelegt haben. Dort bemalen sie aus Sperrholz ausgesägte Edelweiß. Die Abtönfarbe haben sie in durchsichtige Plastikschalen gegossen, aus denen normalerweise bei der Kirmes Erbsensuppe gelöffelt wird. Sie arbeiten konzentriert, keine Zeit für Geschwätz. Die fertigen Teile wandern zum Trocknen auf die Strohballen, die Landwirt Andreas Schmidt, der natürlich auch Vereinsmitglied ist, in der linken Scheunen-Ecke aufgetürmt hat. Eine halbe Stunde später kann das Edelweiß dann zusammen mit den ebenfalls bemalten Sperrholz-Gamsböcken am Wagen befestigt werden.
Pläne im Kopf
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Holger Wust sägt in Usingen Wagenteile zurecht...Auf Besagtem stehend, widmen sich Dachdecker Holger Wust und Möbelmonteur Heiner Fröhlich der Holzkonstruktion des Stadls.
"Den Plan dafür, den hab‘ ich im Kopf", sagt Fröhlich. Auch hier legen die Carnevalsfreunde Wert auf die Details. Damit die Holzbretter alt aussehen, bearbeitet der elfjährige Oliver Holzbach sie unter den wachsamen Augen seines Vaters mit einer Gasflamme.
Auch die anderen Vereinsmitglieder haben an diesem arbeitsreichen Sonntagnachmittag ihre Kinder mitgebracht. "Die sind alle ganz tüchtig", freut sich Dirk Schimmelfennig, der stellvertretende Vereinsvorsitzende.
Auch seine zehnjährige Tochter Laura ist mit dabei und geht den Erwachsenen zur Hand. Und wenn es den Jungs und Mädels zu kalt wird und die Schokokekse alle sind, die zwischendurch als Nervennahrung rumgereicht werden, ziehen sie sich in den Bauwagen hinter der Scheune zurück.
Überhaupt gleicht die kleine eingeschworene Gemeinschaft einem karnevalistischen A-Team. Jeder hat eine Aufgabe, die seinen Fähigkeiten entspricht. Dirk Schimmelfennig zum Beispiel ist für die Beschallung zuständig.
Stadttor zu klein
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...während in Oberursel närrische Hände letzte Hand an die Badewannenszene anlegen. Fotos: fms/ReIn den 80-er Jahren hat er sich sein Taschengeld als DJ in einer Usinger Gaststätte aufgebessert. Heute arbeitet er als Verkäufer im PC-Bereich und kennt sich mit Technik bestens aus. "Dieses Jahr werde ich eine musikalische Gratwanderung machen müssen", meint er und freut sich auf die Herausforderung. "Ich schätze, ich spiele einen Mix aus Karnevalsmusik, Schlagern und Aprés-Ski-Hits."
Jens Sigismund fährt den Traktor, was bei einer Gesamtlänge von 15 Metern kein einfaches Unterfangen ist und viel Geschick und Erfahrung erfordert.
Dass die Carnevalsfreunde in acht Jahren schon einiges erlebt haben, versteht sich von selbst. "Bei unserem ersten Umzug sind wir mit einem Piratenschiff losgezogen", erinnert sich Zwermann. Leider hatte keiner daran gedacht, den Torbogen in Wehrheim auszumessen, und prompt passte der Wagen nicht durch. "Mit der Motorsäge mussten wir den Mast fällen und haben den ganzen Zug aufgehalten", erinnert sich Zwermann. Heute kann er über diese Panne lachen, damals war er stinksauer. "Unser schöner Wagen sah ohne Mast besch. . . aus."
Ei für den Rathauschef
Ein weiterer Mottowagen trug den Titel "Party, Palmen, Weiber und ein Bier". Damals wollten die Carnevalsfreunde mal etwas anderes machen, und statt Blumen und Bonbons flogen hartgekochte Ostereier vom Wagen. "Eines traf leider den Bürgermeister von Wehrheim, Gregor Sommer, am Kopf. Ich habe ihn am nächsten Tag angerufen und mich entschuldigt", erinnert sich Uli Zwermann.
Sogar einen Heiratsantrag auf dem Wagen hat es gegeben. Das war vor zwei Jahren. "Nach dem Zug in Ober-Mörlen schnappte sich Steffi Wust das Mikro und stellte ihrem heutigen Mann Holger die Frage aller Fragen."
Jeden Donnerstagabend ab 19 Uhr und sonntags nachmittags arbeiten die Carnevalsfreunde an ihrem Gefährt. "Jeder schraubt so lange, bis er keine Lust mehr hat", sagt Zwermann – so ein Arbeitseinsatz kann dann auch mal bei Bier und Wein im "Reiterstübchen" des nahe gelegenen Glockenhofes enden.
In meinen Fingern beginnt es zu kribbeln. Was wäre, wenn ich mir den Pinsel schnappen und auch ein Edelweiß bemalen würde? Begeisterung ist eben ansteckend. Wer weiß, vielleicht wird aus mir ja doch noch ein Narr.
In diesem Moment hat Dirk Schimmelfennig ein neues Lied aufgelegt. "Jetzt geht‘s los, wir sind nicht mehr aufzuhalten", dröhnt es aus den Boxen. "Das ist jetzt genau der richtige Song", freut sich Zwermann. Alle fiebern schon jetzt dem Moment entgegen, an dem es wieder soweit ist. Das entschädigt für Blasen an den Händen vom Tackern und Holzsplitter, die man sich eingezogen hat. Die Umzüge in Usingen, Wehrheim und Ober-Mörlen sind Pflichtprogramm. Dann ist Stimmung auf dem Wagen. "Wir machen Party für die Leute am Straßenrand", so Schimmelfennig. Bis Aschermittwoch. Mit blutendem Herz treffen sich dann alle wieder zur Demontage. Wie heißt es doch so schön in einem Karnevalsschlager: "Echte Fründe ston zesamme". Den kenn‘ ab heute sogar ich.
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