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Frankfurt im Fokus

Von Diesmal: Die Kultur stand höher im Kurs, als Kritik noch etwas wert war.
Als Kritiker war er geehrt und gefürchtet zugleich. Seine Autobiografie mit der Schilderung der Flucht aus dem Warschauer Ghetto wurde zum Bestseller. Marcel Reich-Ranicki ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Foto: dpa Als Kritiker war er geehrt und gefürchtet zugleich. Seine Autobiografie mit der Schilderung der Flucht aus dem Warschauer Ghetto wurde zum Bestseller. Marcel Reich-Ranicki ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Foto: dpa
Als Kulturbegeisterter, Frankfurter oder auch nur als jemand, der das geringste Interesse an Literatur hat, kommt man nicht umhin, an dem Tod von Marcel Reich-Ranicki Anteil zu nehmen. Der Mann war eine Institution in der deutschen Literaturlandschaft und einer der Wenigen, die noch den Schneid hatten, das zu sagen, was sie dachten, ungeachtet der Schlipse auf die man dabei möglicherweise treten konnte.

Unvergessen Sätze wie (und man muss sich jetzt die kratzige Stimme Reich-Ranickis vorstellen): "Es gibt gute Literatur, es gibt schlechte Literatur und dann gibt es so etwas wie Frauenliteratur." Sexistisch? Vielleicht! Auf den Punkt gebracht? Gut möglich! Politisch unkorrekt? Ganz sicher! Um was es aber bei Deutschlands Literaturpapst wirklich ging, war die Leidenschaft und die Ernsthaftigkeit, mit der er die Literatur empfunden und gelebt hat. Wenn er etwas schlecht fand, sagte er das. Gleichermaßen geizte er aber auch nicht mit Lob, wenn ihn etwas begeistert hatte.

Aber selbst, wenn man den Mann nicht mochte, konnte man ihm einen literarischen Sachverstand nicht absprechen und mehr als das: Er konnte seine Kritik immer fundiert begründen und so darlegen, dass sie jedermann verstehen konnte. Gerade der Sachverstand und die Fähigkeit Kritik, verständlich und nachvollziehbar zu erläutern, ist heute ein seltenes Gut. In Zeiten, in denen schlampig niedergekritzelte Rezensionen und Kritiken und ein paar Sternchen auf Amazon mehr bedeuten, als sich wirklich mit Literatur auseinandersetzen, kann ich mit dem Brustton der Überzeugung sagen: Ja, verdammt. Das war früher wirklich besser.

Es nutzt aber nichts, sich über das mangelnde Literaturinteresse zu beklagen oder darüber, dass die Zeiten eben so sind, wie sie sind. Marcel Reich-Ranicki hat aber etwas hinterlassen, und ich rede nicht von seinen Büchern oder den Aufzeichnungen des Literarischen Quartetts. Ich rede von seiner Liebe zu Büchern, und deswegen möchte ich kein Klagelied anstimmen, sondern einfach ein Buch empfehlen, das bekanntermaßen auch zu den Lieblingswerken Reich-Ranickis gezählt hat: "Bertold Brechts Hauspostille".

Marcel Reich-Ranicki sagte einst, das ihn die Verse in dem Buch "beinahe verzaubert" haben, und das wünsche ich mir auch für uns alle: Die Fähigkeit, sich wieder von Büchern in den Bann ziehen zu lassen. Legen sie für ein paar Stunden ihr Smartphone beiseite und lesen ein gutes Buch. Sie werden sehen, es kann auch sie verzaubern!

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