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Generation Probefahrt

Wir testen ohne Ende und vergessen dabei ganz, uns zu entscheiden.
Partner, die lange zusammen sind, sollten beim Sex offen für Neues sein. (Symbolbild) Partner, die lange zusammen sind, sollten beim Sex offen für Neues sein. (Symbolbild)
Wir Frauen um die 30 haben heute alle Möglichkeiten. Wir können Karriere machen, uns für eine Familie entscheiden oder Kind und Job mit viel Organisation unter einen Hut kriegen. Wir können heiraten oder auch nicht, früh gebären, spät, gar nicht oder adoptieren. Wir haben die freie Auswahl: Wollen wir in der Stadt leben oder auf dem Land, in einer Singlewohnung, WG oder ganz spießig im Reihenhäuschen am Stadtrand? Essen wir Fast Food, Bio, vegetarisch, vegan, pescarisch? Welche Partei wählen wir, welchen Mobilfunkanbieter, welche Waschmittelmarke? Und welche Message wollen wir mit unserer Kleidung, unserer Frisur und Haarfarbe transportieren?

Die Wahl zu haben ist gut. Lange genug haben wir Frauen ja dafür gekämpft, wählen zu dürfen - politisch und auf anderen Gebieten. Doch alle Möglichkeiten zu haben bedeutet auch, viele Dinge ausschließen zu müssen. Als ich gestern mit meinen Mädels beim Mexikaner im Sandweg saß, sprachen wir auch über diese Unfähigkeit, sich festzulegen. Eine Zeitlang starrten wir missmutig in unsere Daiquiris, als wir feststellten, dass Entscheidungen heute ganz offenbar aus der Mode gekommen sind. Alles geschieht nur noch auf Zeit, auf Probe - bis wir etwas anderes finden, dass uns noch eher zusagt. Unser ganzes Leben ist ein Probeleben.

Wann zum Beispiel ist der richtige Zeitpunkt, um zu heiraten? Nach wenigen Monaten, nach zehn Jahren? Wir leben Jahrelang mit einem Menschen zusammen und sind uns auch nach langer Zeit nicht sicher, ob wir uns dauerhaft an ihn binden wollen. Vor kurzem hat ein Paar aus meinem Bekanntenkreis geheiratet, das bereits seit der Schulzeit zusammen ist - stolze zwölf Jahre, vom ersten Kuss bis zu "Sie dürfen die Braut jetzt küssen!". Als ich meiner Mutter davon erzählte, fragte sie: "Lohnt sich das überhaupt noch?"

Und das ist eine ganz symptomatische Ansicht für unsere Zeit. Wir alle, Männlein und Weiblein, verzichten auf die Entscheidung und ersetzen das eigentliche Leben durch eine endlose Testphase. Ganz so, als ob wir ein Auto jahrelang probefahren würden, bis eines Tages die ersten Verschleißerscheinungen auftreten, bis die Bremsbeläge abgefahren sind, der Zahnriemen gewechselt werden muss oder der Motor den Geist aufgibt. Und dann rümpfen wir die Nase und sagen: "Nein danke, so einen Mist kaufe ich nicht."

Die Wahl zu haben ist großartig. Wir sollten über all den Möglichkeiten, die uns den Kopf verdrehen, aber nicht vergessen, uns auch tatsächlich für eine Sache zu entscheiden. Und uns an die Tatsache zu gewöhnen, dass das, für was wir uns entschieden haben, nun zu uns gehört. Dann lohnt es sich auch, dabei zu bleiben, wenn die ersten Verschleißerscheinungen auftreten. (Anne Zegelman)
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