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Trockenhochzeit

Von Ich heirate - mich selbst. Mein Freund ist natürlich trotzdem eingeladen.
Die schwedische Prinzessin Madeleine und ihr Bräutigam Chris O'Neill reichen sich bei ihrer royalen Hochzeit die Hände. FNP-Bloggerin Anne Zegelman liebt Hochzeiten. Aber muss man dafür wirklich die Ehe in Kauf nehmen? (Foto: dpa) Die schwedische Prinzessin Madeleine und ihr Bräutigam Chris O'Neill reichen sich bei ihrer royalen Hochzeit die Hände. FNP-Bloggerin Anne Zegelman liebt Hochzeiten. Aber muss man dafür wirklich die Ehe in Kauf nehmen? (Foto: dpa)
In unserer reizüberfluteten Stadt und in dieser völlig überdrehten Welt sind wir es gewöhnt, dauernd ein neues Spielzeug zu bekommen. Ich will, ich will, ich will! Und zwar alles sofort, ohne abzuwarten, ohne etwas investieren zu müssen. Warum auch nicht, schließlich glitzern in den Läden und rund um die Uhr auch online schicke Klamotten, die neueste Technik, teure Schuhe und Handtaschen verführerisch im besten Licht. Alles ist halbwegs günstig, alles kann innerhalb von 24 Stunden da sein. Doch das große Glück bringen die Einkäufe meistens trotzdem nicht: Das Kaufen ist uns so sehr zu eigen geworden, dass wir schon kaum noch wahrnehmen, wenn wir etwas Neues haben. Ein kurzer Kitzel, ein kleines Lächeln, eine laue Freude - dann vergessen wir es schon wieder und schmeißen das Ding auf den Haufen aller Dinge, die wir schon besitzen.

Ich bin da überhaupt keine Ausnahme. Im Gegenteil, ich bin voll und ganz ein Kind dieser Zeit. Was ich jetzt schreibe, klingt für mich selbst unglaublich: Ich besitze schätzungsweise 250 Handtaschen. Wie gesagt, das ist eine Schätzung, denn ich habe sie lange nicht mehr gezählt. Mittlerweile bewahre ich sie in einem eigenen Kämmerchen auf, in Regalen, die an die Wand angebracht sind. Ein begehbarer Taschenschrank. Verrückt, dekadent, sinnlos, nahezu gotteslästerlich. Das weiß ich. Und trotzdem höre ich nicht auf, Taschen zu kaufen. Taschen, die ich aufgrund ihrer schieren Menge nicht mal alle benutzen kann. Sondern mich kurz über sie freue, sie wieder in ihren Staubbeutel packe und zu meiner Sammlung lege. Nice to have. Das war's.

Retro-Charme

So tickt diese Welt nun mal, und solange sich der Großteil unserer dekadenten Gesellschaft daran hält, ist es eben, wie es ist. Immerhin hat sich ja alles im Lauf der Zeit an dieses Tempo, diese Reizüberflutung, dieses Immer-mehr, immer-weiter, immer-schneller angepasst. Und trotzdem gibt es in dieser Welt ein Relikt aus alten Zeiten, das so verstaubt und antiquiert wirkt, dass es schon den Retro-Charme einer orangefarbenen Tischlampe aus den 70er Jahren hat: Die Ehe.

Wie ist es überhaupt möglich, dass es diese auf lange Dauer ausgelegte, aus der Zeit gefallene Institution heute noch gibt? Das frage ich mich oft. Klar, heiraten ist schön. Fancy, aufregend, romantisch. Denn beim Heiraten kann man die Beziehung, die ja meist schon einige Jahre besteht und erste Abnutzungserscheinungen zeigt, nochmal richtig schön pimpen. Und viel, viel, ganz ganz viel Neues kaufen, Kleid, Deko, lauter hübschen kleinen Mist, das alles poliert die leicht angestaubte Liebe nochmal kräftig auf. Klar macht das Spaß. Doch hier kommt eine gewagte These: Ich glaube, die Ehe hat sich vor allem deshalb gehalten, weil vorher die Hochzeit und ihr ganzer schöner Zauber steht. Wahrscheinlich hätte kaum jemand den Drang, sich per Post einen Vertrag anzufordern und ihn daheim vor dem Fernseher zu unterschreiben, um sich für immer und alle Zeit aneinander zu binden. Die meisten Menschen stehen nämlich so gar nicht auf Verträge. Doch die Tradition der Hochzeit trägt die Institution der Ehe über die Zeit. Hoch-Zeit. Das impliziert ja schon fast, dass es danach zwangsläufig bergab gehen muss. Und dann? Muss man eben sehen, was passiert.

Scheidungskind

Vielleicht haben Sie es schon vermutet: Ich bin ein Scheidungskind. Als meine Eltern sich Ende der 80er Jahre trennten, war das eine Art Skandal. In unserem katholischen Kindergarten wurde für meinen Bruder und mich gar gebetet - um Gottes Willen! Das wird künftig nicht mehr "nötig" sein, denn einige Eltern sind schon gar nicht mehr zusammen, wenn das Kind in den Kindergarten kommt - und Scheidung gehört mittlerweile zum normalen Leben dazu. Zum Glück, zumindest für die Kinder, gibt es dieses Stigma heute nicht mehr, dieses Getuschel. Scheidung ist möglich, rechtlich sowieso und gesellschaftlich mittlerweile auch. Und dieses Wissen macht es leichter, sein Glück eben doch mal miteinander zu probieren.

Schön für mich. Denn ich liebe Hochzeiten. Das mag verwundern, aber eigentlich auch wieder nicht. Ich möchte ja daran glauben, an diese ewige Liebe und an zwei Menschen, die sich füreinander entscheiden und es dann auch mal gut sein lassen. Die ankommen beieinander, ein Happy End wie für die schwedische Prinzessin Madeleine und ihren Amerikaner. Auch wenn ich als leicht verbitterte Ehe-Pessimistin es im Prinzip besser weiß. Aber vielleicht gibt es diese Dauerwurst der Liebe ja dennoch. Zwei meiner fünf Mädels sind davon überzeugt und haben ihre Langzeitfreunde deshalb bereits geheiratet. Ich war auf beiden Hochzeiten, eine in einem hübschen Gemeindesaal in Sachsenhausen, die andere in der sehr coolen Romanfabrik im Ostend, die beide auf ihre Weise wunderschön waren - und habe bei beiden Trauungen ein bißchen geweint. Die Gesellschaft will es ja auch so. Nicht umsonst fragen alte Tanten mit unendlicher Geduld bei jeder Familienfeier, wann mein Freund und ich endlich heiraten.

Freudenfest

Ob die Ehe für mich das Richtige ist, dazu habe ich mich noch nicht abschließend entschieden. Irgendwie finde ich es schöner, aus freien Stücken zusammen zu bleiben und sich jeden Tag wieder neu füreinander zu entscheiden. Bei Björn und mir funktioniert das immerhin schon seit fünf Jahren - ein Ende ist nicht in Sicht. Auf den Trubel müsste ich trotzdem nicht verzichten. Als meine Eltern gerade getrennt waren, nahm meine Mutter mich, damals fünf Jahre alt, in den Arm und sagte mit Tränen in der Stimme: "Nur für den großen Tag musst du nicht heiraten! Wenn du magst, feiern wir irgendwann ein Freudenfest - nur für dich. Mit Brautkleid, vielen Gästen, Geschenken."

Das wäre zwar ziemlich skurril. Aber auf der anderen Seite wäre so eine Single-Hochzeit doch auch witzig und bestimmt noch nie dagewesen. In der Romanfabrik hat es mir jedenfalls gut gefallen. Vielleicht sollte ich mir da schon einmal einen Termin reservieren lassen. Auch wenn es eine Trockenhochzeit wäre, könnte ich dennoch sagen: Ja, ich will! Und zwar selbst entscheiden, ob ich heirate. Mein Freund wäre jedenfalls eingeladen.

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