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Der Verfall hat begonnen. Und das mit gerade einmal 30 Jahren...
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Geht Ihnen das auch manchmal so? Menschen um Sie herum reden und reden - und weil Sie das Thema so überhaupt nicht interessiert, beginnen Sie, sich zu langweilen. Irgendwann wird das bei mir dann so schlimm, dass ich kurz davor bin, in ein geistiges Koma zu fallen, während mein Körper noch halbwegs beteiligt dabei sitzt. So war das auch gestern Abend. Zum ersten Mal, seit ich meine Mädels kenne, langweilte ich mich so sehr, dass ich fast ein außerkörperliches Erlebnis hatte.

"Habt Ihr eigentlich eine Berufsunfähigkeitsversicherung?", fragte meine frisch verheiratete Freundin Caro in die Runde. Ich hatte das Gefühl, als würde die Dynamik unseres Gesprächs mit quietschenden Reifen eine Vollbremsung machen. Gerade eben hatten wir uns noch im Detail über Beschneidungen und Pornofilmchen unterhalten - und dann das!

Ich sah betont schweigend auf meinen Teller, irgendwo im Hintergrund tickte laut eine Uhr. Jede Sekunde schien eine Stunde zu dauern. Ich betete stumm zu jeder Gottheit, die mir einfiel, sie möge uns das Thema wechseln lassen. Caro wollte es allerdings vertiefen. "Wir haben uns an verschiedenen Stellen beraten lassen und uns dann für Wüstenrot entschieden", berichtete sie lebhaft. Und plötzlich fing auch Eva Feuer für das Thema und berichtete von ihren Erfahrungen.

Ich konnte es nicht glauben. Da ging es dahin, unser schönes Mädelsgespräch, unser lautes Gewieher und peinlich berührtes Gekicher. Plötzlich hatte unser Gespräch sich eine Krawatte umgebunden, pupste in den Sessel und rechnete Bilanzen  vor.  Natürlich ist das alles irgendwie wichtig. Das weiß ich auch. Aber doch nicht jetzt. Gerade mit dem Studium fertig, gelten wir doch praktisch noch als Berufseinsteigerinnen. Irgendwie wirkt das alles zu früh, viel zu früh...

Die folgenden Minuten zogen wie in einem dichten Nebel an mir vorüber. Nur Satzfetzen erreichten noch mein Gehirn, geisterhaft, geheimnisvoll und unwirklich-wunderschön wie fernes Wetterleuchten. Verlasse deinen Körper, hämmerte es in meinem Kopf. Verlasse deinen Körper!

Zehn Prozent der monatlichen Zahlung...
Riestersparen...
Mit 30 eigentlich zu alt...

Da plötzlich wurde ich wach. Wie bitte? Mit 30 zu alt? "Na klar, mit 30 beginnen doch die Zipperlein", klärte Eva, die selbst bald 31 wird, mich fachfraulich auf. "Aber, aber...", stotterte ich. "30 ist doch kein Alter! 30 ist das neue 20, das wisst Ihr doch selbst!" Dieses eher schwache Argument wollte Eva nicht gelten lassen. "Mit 18 ist man noch jung", beschied sie mir. "Mit 18 hat man es noch nicht in den Knien und im Rücken. Aber mit 30... Deshalb muss ich jetzt auch schnell noch eine BU abschließen, bevor es mit 32 richtig teuer wird."

Ich fiel aus allen Wolken. "Nein!", heulte ich auf. "Das stimmt nicht. Wir sind nicht alt! Wir sind doch noch im Entstehen begriffen. Praktisch noch Kinder!" Das sage ich mir gern, aber ich weiß, dass es nicht stimmt. Ein naher Blick in den Taschenspiegel bei Tageslicht beweist das Gegenteil: Ich werde alt. Noch nicht sofort, noch bin ich halbwegs jung, vor allem im Vergleich mit älteren Zeitgenossen, die nur milde lächeln, wenn ich von meinen Falten spreche. Aber der Verfall hat bereits begonnen.

Meine Freundinnen seufzten kollektiv. "Ich vermisse es, an der Supermarktkasse nach meinem Ausweis gefragt zu werden, wenn ich Alkohol kaufe", sagte Caro, die sich immerhin mit ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung ein wenig trösten kann, wehmütig. "Wann hat das eigentlich angefangen?", fragte ich mehr mich selbst als in die Runde. Ich kenne dieses Gefühl so gut. Es fühlt sich an wie ein Schlag ins Gesicht, wenn die gelangweilte Verkäuferin die Bestätigungstase drückt, ohne mich auch nur richtig anzusehen. Sind meine Falten so unübersehbar, dass ich wirke wie ein altes Hutzelweib?

"Und ich dachte, ich sehe noch aus wie vor zehn Jahren", sagte Karla leise. Ich sah sie an, diese Mutter eines bald zweijährigen Kindes, die verheiratet und gerade auf dem Weg zum Doktortitel ist. Und ich dachte an Fotos, die mich mit Anfang 20 zeigen. Mit glattgebügeltem Gesicht, straffen Beinen und völlig naiven Augen. Ja, das war schön damals. Aber ich glaube, ich würde mit diesem Mädchen aus meinen Fotoalben trotzdem nicht tauschen wollen. Immerhin haben wir viel erreicht, viel gearbeitet, sehr viel gelernt und uns die zehn Jahre erlebt. Wir haben uns innerlich ganz schön verändert. Da wäre es doch unsinnig, wenn sich das nicht auch äußerlich bemerkbar machte. Immerhin würde ja auch niemand freiwillig auf einen Stempel im Treuepass beim Friseur oder im Lieblingcafé verzichten, weil die Pappe sauber bleiben soll...

Karla seufzte und ging in die schicke Küche ihrer Sachsenhäuser Altbauwohnung, um eine Flasche Rotwein zu holen. "Eins steht jedenfalls fest", sagte sie, als sie die Flasche mit einem satten Plopp! entkorkte, "wir sind vielleicht alt, aber erwachsen sind wir noch lange nicht." Doch dann verharrte sie plötzlich in ihrer Bewegung, den Arm wie eingefroren in der Luft, in der Hand die Flasche. "Ich hol' Euch Rotweingläser. Ich kann das echt nicht ertragen, dass Ihr das Zeug aus Weißweingläsern trinken wollt!"

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