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Freaky Frankfurt

Von Diesmal: Liebe Damen, waren Sie schon mal mit einer Frau im Bett?
Zwei Frauen küssen sich. Hat unsere Bloggerin vielleicht eine lebensverändernde Erfahrung verpasst, weil sie das noch nie gemacht hat? (Symbolbild: dpa) Zwei Frauen küssen sich. Hat unsere Bloggerin vielleicht eine lebensverändernde Erfahrung verpasst, weil sie das noch nie gemacht hat? (Symbolbild: dpa)
Liebe Leserin, haben Sie schon mal mit einer Frau? Und nein, ich meine nicht Kaffee getrunken, ein paar ernste Worte geredet oder einen Schreibtisch geteilt. Ich meine Sex. Nein? Ich auch nicht. Und bisher dachte ich auch nicht, dass ich mich jemals dafür schämen würde. Aber ganz offenbar haben wir eine Menge verpasst. War es in den 90ern noch wahnsinnig exotisch und verrucht, mit einer Frau ins Bett zu gehen, scheint es mittlerweile fast zum guten Ton zu gehören.

"Wie, du hast noch nie?", fragt mich eine Freundin ganz entgeistert, als wir im Solzer auf der Berger Straße bei Süßem und Salat zusammensitzen. Öhm, nee. Und warum habe ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen? Ich fühle mich prüde wie Mutter Teresa, während meine Freundin selbstzufrieden grinst und an ihrem Glas nippt. Ihre blonden Haare fallen ihr in die Stirn und über den Glasrand. "Ach ja, dann kannst du das natürlich nicht wissen. Mit einer Frau zu schlafen, das ist schon was ganz Eigenes."

Na toll. Habe ich in meinem Leben vielleicht eine ganz wichtige Erfahrung ausgelassen? Wer weiß, ob Sex mit einer Frau nicht eine ganz großartige, wunderschöne, erderschütternde Sache ist. Am Ende bin ich gar lesbisch - und weiß es gar nicht. Gut, wahrscheinlich hätte ich das schon gemerkt, weil ich mich insgesamt mehr zu Frauen als zu Männern hingezogen gefühlt hätte. Aber woher weiß ich, dass ich nicht bi bin? Ich finde nackte Frauenkörper wesentlich hübscher als nackte Männerkörper. Aber wer nicht? Hetero-Männer sind einfach, nun ja, von Kopf bis Fuß behaart, und ihr Geschlechtsteil sieht wenig ansprechend aus. Das darf man auch als Hetero-Frau sagen. Also wo fängt das bi-Sein an?

Es ist ja nicht so, dass ich "mehr" mit einer Frau aus Prinzip abgelehnt hätte. Es kam nur nie dazu. Mit 18, 19, 20, da hätte ich mir vielleicht vorstellen können, zumindest mal eine Frau zu küssen - und den Rest hätte ich dann eben auf mich zukommen lassen. Laut Katy Perry ("I kissed a girl") soll sich das ja ganz anders anfühlen als mit einem Mann. Weicher, zarter, süß wie Labello und vielleicht sogar von der Technik her anders. Gibt es links- und rechtsdrehende Küsser? Vielleicht ist das ja wie beim Tanzen - es gibt die Frauenrichtung und die Männerrichtung.

Ich frage meine Freundin. Sie hat darauf keine Antwort.

Aber mir geht die Sache nicht aus dem Kopf. Als meine Freundin kurz weg ist, schnappe ich mir mein Handy und gebe auf gut Glück ein paar Begriffe bei Google ein. Ich finde jede Menge Berichte von Frauen, die Frauen geküsst haben. "Sie schien sich völlig auf mich einzustellen, folgte mit der Zunge meinen Bewegungen. Und ich folgte ihren. Ganz vertraut, ganz ehrlich. Nicht wie bei manchen Männern, bei denen man furchtet, dass der Kuss nur dazu dient, einen ins Bett zu bugsieren", schreibt da eine 30-Jährige auf einer Frauen-Website. Hört sich gut an.

Und ich finde jede Menge Fragen von Männern, die nach dem ersten Kuss mit einer neuen Frau völlig verunsichert sind: "Sind wir jetzt zusammen?", "Was erwartet sie von mir?" und "Wie soll ich sie beim nächsten Treffen behandeln?" Die armen Männer. Sind wir Frauen wirklich so kompliziert und schwer zu durchschauen? Vielleicht würde ich mich all das auch fragen, wenn ich eine Frau küssen würde. Ich glaube, ich wüsste überhaupt nicht, was ich tun muss.

Meine Freundin kommt zurück an den Tisch. Sie setzt sich mir gegenüber und beugt sich weit über die Tischplatte. Ihre hellblonden Haare sind ein wenig zerzaust, ihre grünen Augen leuchten, ihr Mund, die zarte Lippe mit der kleinen Kerbe und dem feucht glänzenden Innenrand, lächelt breit. "Was machen wir jetzt?", fragt sie. Ich schaue sie an. Auf ihren Mund. Ich stelle mir vor, ich würde sie küssen. Kein Stoppelkinn, kein Aftershave-Geruch. Nur glatte, weiche Haut, die nach all den Produkten duftet, die ich selbst liebe.

Ich beuge mich ebenfalls vor und bin ihr nun ganz nah. So nah, dass ich genau sehe, dass sie unter ihrem Make-up ein wenig errötet und ihre Wimperntusche ganz sanft und kaum merklich verwischt ist. Jetzt wäre der perfekte Moment. Wenn ich wollte. Jetzt.

Aber ich will nicht. Und so geht er vorbei, der Moment - und ich lehne mich wieder zurück. Vielleicht langt es ja, sich manche Dinge nur vorzustellen.
 
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