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Freaky Frankfurt

Von Ich bin so durchschaubar. Doch das hat auch seine guten Seiten.
Warum sollten Menschen eigentlich nicht zeigen, wenn sie verletzt und traurig sind? (Symbolbild: Fotolia) Warum sollten Menschen eigentlich nicht zeigen, wenn sie verletzt und traurig sind? (Symbolbild: Fotolia)
Ich wäre eine verflucht schlechte Pokerspielerin. Die Regeln sind mir ein einziges Rätsel und ich kann es mir nicht leisten, mit hohen Einsätzen Eindruck bei meinen Mitspielern zu machen. Aber das ist noch nicht alles. Der Grund, warum ich niemals Poker spielen könnte, ist, dass ich einfach zu durchschaubar bin. Selbst Sonnenbrille, Handschuhe und ein Schal, der meine vor Panik wild pochende Halsschlagader verdeckt, würden da nicht helfen. Meine ganze Körperhaltung, meine Gesichtsfarbe, meine Stimme - man kann mich lesen wie ein Buch.

Anderen Menschen macht dieser Umstand den Umgang mit mir leicht. Gerade, wenn sie mich gut kennen. "Du hast keinerlei Selbstbeherrschung", diagnostiziert mein Freund häufig. Das ärgert mich und er sieht es mir an, weil ich die Stirn runzele und die Augen zusammenkneife. Aber wozu sollte ich mich verstellen? Ich kann es eben nicht ändern, wenn ich mich bei einem seiner Action-Filme so schrecklich langweile, dass mein Blick immer wieder zur Uhr wandert und ich schließlich leise einschlafe. Da nützt es nichts, Interesse zu heucheln.

Ich bin eben keiner dieser "coolen" Menschen, die so tun, als ob ihnen alles egal wäre. Mag sein, dass das nach außen hin sehr gelassen wirkt. Aber welchen Vorteil hätte ich davon? "Du darfst deinen Exfreund nicht merken lassen, wie sehr dich das verletzt hat", riet mir eine Freundin nach meiner letzten Trennung. Ach ja, und warum nicht? Sein Verhalten war scheußlich, gemein und indiskutabel, es kostete mich Geld und jede Menge Nerven. Warum sollte ich ihm einen Gefallen tun, indem ich meinen seelischen Zustand vor ihm verberge und mir Mühe gebe, ein Lächeln aufsetze? Er soll doch sehen, was er angerichtet hat, und im optimalen Fall daraus den Schluss ziehen, dass man sich so einfach nicht verhalten kann.

Es ist doch auch kein Wunder, wenn sich nie etwas ändert - die Menschen müssen endlich anfangen, sich die Wahrheit zu sagen! Ich stehe dazu, wenn ich verdammt nochmal verletzt bin. Und es irritiert mich, wenn andere stets behaupten, es sei alles in Ordnung, auch wenn das Lächeln ihnen im Gesicht gefriert und ihnen die Mundwinkel schmerzen vor lauter Anstrengung, fröhlich auszusehen.

Seien Sie offen zueinander. Sagen Sie, wenn Sie verletzt sind - und wenn Sie glücklich und dankbar sind! Auch wenn man es Ihnen vielleicht nicht auf den ersten Blick ansieht, weil Sie besser bluffen können als ich. Ich finde, in den allermeisten Lebensbereichen ist es ein großer Vorteil, sich nicht zu verstellen. In meiner Familie sind alle so wie ich. Schlagende, pumpende, offenliegende Herzen auf zwei Beinen. Und wenn wir uns treffen, reden wir über alles, da gibt es keine Leiche im Keller, kein rotes Tuch. Wir sprechen laut und gestikulieren, wir regen uns auf, lachen, weinen, stürmen weg vom Tisch und kommen wieder. Eigentlich sind wir das, was man sich unter dem schlechten Klischee einer italienischen Großfamilie vorstellt. Nur, dass wir keine Italiener sind.

Das ist für neu Hinzugekommene wie meinen Freund vielleicht ein bißchen anstrengend, das gebe ich zu. Aber alle wissen, woran sie sind, alle wissen, dass sie geliebt und geschätzt werden, denn das sagen wir uns in der gleichen Lautstärke. Und niemand bekommt die Gelegenheit, jahrelangen Groll aufzubauen. Das ist doch fein.

Gut, im Berufsleben ist meine Durchschaubarkeit manchmal schon hinderlich. Dieses Maskenspiel, dieses eiskalte Auftreten beherrsche ich einfach nicht. Mein Psychologenbruder empfiehlt mir vor wichtigen Gesprächen gerne: "Du darfst die nicht merken lassen, wie aufgeregt du bist." Das ist allerdings wenig hilfreich, wenn meine Hände vor Nervosität so eiskalt sind, dass mein Gesprächspartner bei der Begrüßung zusammenzuckt. Da kann man nur lächeln, abwechselnd rot und blass werden, den Fluchtreflex niederkämpfen und zur eigenen Durchschaubarkeit stehen. Zum Beispiel mit den Worten: "Entschuldigung, meine Hände sind so kalt, denn ich bin etwas aufgeregt. Ich habe mich sehr darauf gefreut, heute mit Ihnen sprechen zu können." Gerettet!

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