Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Freaky Frankfurt

Von Weihnachten ist ein einziger Kampf. Deshalb geht meine Freundin den radikalen Weg.
Eine festlich gedeckte Tafel, hübsch verpackte Geschenke, Kerzenschein - doch bis zu den Feiertagen gibt es noch eine Menge Kämpfe auszutragen und Entscheidungen zu treffen. (Symbolbild: Fotolia) Eine festlich gedeckte Tafel, hübsch verpackte Geschenke, Kerzenschein - doch bis zu den Feiertagen gibt es noch eine Menge Kämpfe auszutragen und Entscheidungen zu treffen. (Symbolbild: Fotolia)
Es gibt da eine Sache, die verdrängen Paare gerne rund elf Monate im Jahr. Die Frage nämlich, wo man eigentlich Heiligabend verbringen wird. Bei Björn und mir war das eigentlich bisher immer einfach. Vor fünf Jahren, als die Diskussion zum ersten Mal aufkam, einigten wir uns darauf, dass wir uns nicht einigen können. Wir sind beide Scheidungskinder, und während ich mit Mama, Bruder und Oma Raclette esse und Geschenke auspacke, verputzen Björn und sein Vater zu zweit vor dem Fernseher eine ganze, selbstgebratene Bio-Gans ohne störende Gemüsebeilage. So hat jeder seine Tradition, und bisher war das auch kein Problem. Wir stellen trotzdem ein Bäumchen in unserem Wohnzimmer auf und schmücken es gemeinsam - und wir feiern trotzdem zu zweit. Okay, meistens irgendwann mitten in der Nacht oder am frühen Morgen, bevor er am ersten Feiertag zu seiner Mutter fährt und ich zu meinem Vater hetze. Aber wir tauschen Geschenke, betrachten versonnen und aneinander gekuschelt die Lichter am Baum - und bisher genügt uns das.

"Schwierig wird es erst dann, wenn ein Kind da ist", behauptet meine Mutter gerne. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Jüngste Entwicklungen in meinem Familien- und Freundeskreis zeigen: Schwierig wird es, sobald man geheiratet hat. Denn ganz offenbar erschüttert so eine Hochzeit das gesamte Familiengefüge nachhaltig. Mein bester Freund und seine Frau sind seit dem vergangenen Jahr verheiratet. Das große Fest war im Mai, und je näher Weihnachten kam, desto drängender wurde eben diese Frage. Denn natürlich wollten beide gemeinsam feiern. Doch was tun? Seine Frau ist ihrer Familie ebenso verbunden wie er seiner. Alle gemeinsam an einen Tisch zu holen wäre eine Möglichkeit, doch irgendjemand müsste immer auf die lieb gewonnene eigene Tradition verzichten. Letztes Jahr schoben mein bester Freund, seine Schwester und vor allem seine Mutter die Entscheidung so lange hinaus, dass er schließlich zähneknirschend schließlich doch noch einmal alleine mit seiner Familie feierte. Aber nur mit der wütend hervorgestoßenen Drohung: "Wehe, das läuft nächstes Jahr wieder so!"

Weihnachtsautismus

Nun, das nächste Jahr ist gekommen - und es läuft wieder so. Schon vor Wochen brachte das junge Ehepaar die Frage nach dem Heiligabend auf. Und zwar bereits mit einem fertigen Vorschlag in der Tasche: Beide Familien sollten bei der neuen Schwiegermutter feiern. Eigentlich ein schöner Gedanke, denn alle mögen einander sehr gern. Glaubt man seinen Erzählungen, ist sie herzlich, kocht gut und ihr Haus ist hübsch, sauber und gemütlich. Doch irgendetwas an diesem Gedanken fühlt sich trotzdem falsch an für die Schwester und die Mutter. "Jeden anderen Abend würden sie dort verbringen und sich über die Einladung freuen", beklagt er sich bei mir. Doch Heiligabend... Ich kann das gut nachvollziehen, auch wenn es vielleicht kindisch klingen mag. Ich weiß nicht, warum, aber diesen Abend möchte ich daheim feiern, bei meiner Mutter. Da bin ich eine echte Weihnachtsautistin, das habe ich von meiner ihr geerbt. Obwohl sie in den vergangenen Jahren zweimal umgezogen ist und wir schon längst nicht mehr im Wohnzimmer meines Elternhauses feiern, gelingt es ihr auf magische Weise, dass alles trotzdem exakt gleich bleibt. Der Baum hat immer die gleiche Größe und steht immer in der gleichen Ecke. Der Weihnachtsschmuck ist immer der Gleiche. Immer holen wir gemeinsam die Kisten aus dem Keller, packen sie aus, streiten uns, weil die Lichterkette verknotet ist. Und auf dieses Immer kommt es an.

Die radikale Lösung

Dass das Thema nicht nur uns und meinen besten Freund beschäftigt, ist beruhigend. Gestern Abend war ich mit ein paar Freundinnen und gefühlten zwei Millionen anderen Menschen auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt. Nachdem wir uns unter Einsatz unseres Lebens Bratwürste, Reibekuchen und Glühwein organisiert hatten, kam das Gespräch schnell auf genau diese Frage. Meine Freundin Billa ist ebenfalls frisch verheiratet und liebt ihre Großfamilie über alles, genauso wie ihr neuer Ehemann seine. Und weil das so ist, gehen die beiden den ganz radikalen Weg. "Wir feiern dieses Jahr Heiligabend allein, bei uns daheim", eröffnete sie uns und biss in ihre Bratwurst. "Das ist die beste und die einzige Lösung - und wir werden das künftig immer so machen."

Komisch, dass das die beste Lösung ist und sie trotzdem so traurig aussah. "Klar ist es etwas anderes, sich das im Vorfeld zu überlegen. Jetzt fühlt es sich schon ein wenig komisch an. Aber wir werden nie eine Lösung finden, die uns beide glücklich macht. Einer wird immer nicht bei der eigenen Familie sein, und so ist es wenigstens gerecht."
"Und die Feiertage teilt Ihr dann unter den Familien auf?", fragte ich, während ich die dampfend heißen Reibekuchen mit den Fingern zerteilte und leise fluchte.
Billa lachte, doch es war kein fröhliches Lachen. "Nein, am ersten Feiertag kommen alle zu uns. Wir müssen das auf neutralem Boden machen, sonst fühlt sich eine Familie immer vernachlässigt, weil sie erst am zweiten Feiertag besucht wird."

Das erscheint mir unglaublich hart, unglaublich konsequent und sehr realistisch. Weihnachten ist ein einziger Grabenkampf, und das wird niemals enden. "Wenn mein Bruder und meine Schwester irgendwann verheiratet sind, wird das noch schwieriger", sagte Billa kauend. "Denn seine Frau und ihr Mann haben ja wahrscheinlich selbst auch Familien, zu denen sie an Weihnachten wollen... Da kann es dann bestimmt passieren, dass man sich an den Feiertagen gar nicht sieht."

Gesunder Menschenverstand

Der gesunde Menschenverstand sagt: Ist doch egal. Dann trifft man sich eben am 27. Dezember oder im neuen Jahr, wenn alle mehr Zeit haben. Doch das Herz sagt etwas anderes. Es will nicht warten, sondern an Weihnachten egoistisch sein, sich an die eigene Kindheit erinnern und auftanken fürs neue Jahr, für alles, was da kommen mag. Deshalb machen wir alle uns so viele Gedanken, und deshalb fahren Menschen an den Feiertagen hunderte von Kilometern durch Deutschland. Weil es eben keine Tage sind wie alle anderen.

Wie sie das Problem des Heiligen Abends lösen, wissen mein bester Freund und seine Frau übrigens noch immer nicht. Es sind ja auch noch knapp zwei Wochen Zeit - und wenn sie die Entscheidung nur lang genug aufschieben, wird es sich schon irgendwie erledigen. Nur eins haben sie zumindest schon mal entschieden: Dass sie am ersten Feiertag alle gemeinsam essen, mit Schwiegermama, Schwagern und Schwägerinnen. Natürlich im Restaurant. Auf neutralem Boden. Bevor einer sich benachteiligt fühlt.

Die Meinungen unserer Blogger sind Privatsache und spiegeln nicht die Haltung der FNP wieder. Diskutieren Sie mit unserer Bloggerin! Wenn Sie sich noch nicht registriert haben, können Sie das kostenlos nachholen: Klicken Sie dafür einfach unter dem Kommentarfeld am Seitenende auf den beige hinterlegten Reiter „Für nicht registrierte Nutzer“. Dort können Sie sich ganz unkompliziert mit einem Benutzernamen Ihrer Wahl, einem Passwort und Ihrer E-Mail-Adresse anmelden. Anschließend erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink, den Sie nur noch anklicken müssen – und schon können Sie kommentieren. Natürlich werden Ihre persönlichen Daten nur intern verwendet und nicht ohne Ihre Zustimmung an Dritte weitergegeben. Unsere Blogger freuen sich auf Ihre Beiträge!
Zur Startseite Mehr aus Anne Zegelman - Freaky Frankfurt

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse