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Freaky Frankfurt

Von Von Herzkino, Luftwurzeln, falschen Anfängen und einem schönen Leben.
Unsere Bloggerin Anne Zegelman ist eine bekennende Romantikerin. In ihren Tagträumen ist ihr Leben wie ein Rosamunde-Pilcher-Film. (Foto: Fotolia) Unsere Bloggerin Anne Zegelman ist eine bekennende Romantikerin. In ihren Tagträumen ist ihr Leben wie ein Rosamunde-Pilcher-Film. (Foto: Fotolia)
Liebe Leser, heute muss ich Ihnen etwas gestehen. Etwas, das heutzutage fast peinlich zu sein scheint, schockierend, altmodisch in einer völlig überdrehten Welt. Also setzen Sie sich lieber und machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst, denn hier kommt eine freizügige Enthüllung: Ich bin meinem Freund treu. Und zwar seit fast sechs Jahren. Manchmal ist das gar nicht so einfach, denn wie ein Kumpel letztens sagte: "Keine Treue ohne Prüfung." Aber es ist wahr: Ich habe seit unserem ersten Kuss keinen anderen Mann mehr geküsst. Und mehr sowieso schon mal gar nicht.

Es überrascht mich ja selbst. Vielleicht hat das auch etwas mit dem Alter zu tun, dass ich langsam ruhiger werde. Denn als junge Frau war ich ein ziemlich schlimmer Finger. Ich flirtete hier, lachte da, genoss es, umworben zu werden - und ja, ich habe auch das eine oder andere Mal einen anderen Mann in einer dunklen Ecke geküsst. Ich tat das nicht, weil ich meine damaligen Partner nicht geliebt hätte. Sondern weil ich einfach nicht darüber nachdachte, dass ich jemanden damit verletzen könnte. Ich genoss die Aufmerksamkeit, träumte und war verliebt in die Liebe, auch wenn das ein schlimm abgedroschenes Klischee ist. Aber genau so war es.

Verlieben tue ich mich immer noch gerne. Auch in den vergangenen sechs Jahren ist das ein paarmal passiert. Doch auch das bedeutet nicht, dass ich meinen Freund nicht liebe. Sondern nur, dass ich ein schwärmerischer, kreativer, manchmal voreiliger und ein bißchen flatterhafter Mensch bin. Außerdem bin ich, wie jede Frau, wie ja überhaupt jeder Mensch, ganz verrückt nach neuen Impulsen in meinem Leben. Plötzlich bekommt alles eine neue Bedeutung, einen tiefen Sinn, eine Perspektive in strahlend hellem Morgenlicht. Anfänge sind so wichtig für den eigenen Hoffnungshaushalt, auch wenn es nur Fake-Anfänge sind.

Deshalb habe ich ein entspanntes Verhältnis dazu. Ich kenne mich und weiß, dass das nichts mit meinem Freund zu tun hat. Das ist kein Kopfkino, sondern Herzkino. Ich kann nicht steuern, meine Gefühle und meine Künstlerfantasie gehen mit mir durch - dann stelle ich mir eben für einige Tage lang das volle Programm zur Abwechslung mit einem anderen Mann vor. Und nein, ich meine kein Bettprogramm. Ich meine eine romantische Hochzeit in einer Bergkapelle, Kinder, einen Hund und ein hübsches Haus mit Holzbank im Garten, auf der ich im Sommer sitze und einen Strohhut trage. Ein schönes Leben eben, ruhig, romantisch, hübsch und lieb. Ein Rosamunde-Pilcher-Leben ohne Probleme. Ach ja.

Das geht mit dem eigenen Partner natürlich nur bedingt. Denn ihn und die eigenen Alltagsprobleme kennt man zur Genüge, die kann man nicht ausblenden. Mit einem neuen Mann hingegen, den ich kaum kenne, ist alles möglich - er ist eine reine Projektionsfläche, auf der ich meine Hoffnung auf ein perfektes, schmerzfreies, aufgeräumtes Leben abspielen kann.

"Eigentlich ist ein emotionaler Betrug noch sehr viel schlimmer als ein körperlicher", sagte mir gestern eine Kollegin auf der Weihnachtsfeier. Ist das wirklich so? Ich glaube es nicht. Vielleicht hat man auch beim Träumen manchmal ein schlechtes Gewissen dem Partner gegenüber, aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, wenn man dabei die Berührung des anderen Mannes noch auf der Haut spürt. Ich kenne das ja auch, auch diese Erfahrung gab es. Da schämt man sich, weil man die Beziehung, diese ja eigentlich unschuldige, auch ein bißchen heilige Liebe durch niedere Beweggründe besudelt hat. Träumt man hingegen nur mit schwerem Herzen und einem Künstlerinnenseufzen von einem Anderen, ist das ein sanftes, nach Lavendel duftendes Ruhekissen mit Bortenbezug aus dem alten Bauernschrank.

Harmlose Schwärmereien sind das, mehr nicht. Sie haben den gleichen Wert wie ein hübscher Film oder ein trauriger Liebesroman. Ich weiß nicht, ob es meinem Freund da genauso geht, gesprochen haben wir darüber noch nie. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen, möglicherweise wäre ich ja sogar eifersüchtig auf seine kleine Verliebtheit mit Luftwurzeln. Aber was meine eigenen Luftwurzelgeschichten betrifft, ist das vielleicht der Preis, den man dafür zahlt, viele Jahre mit dem gleichen Menschen zusammenzusein. Denn man gibt ja als gebundene Frau auch eine ganze Menge auf, auch wenn meine Single-Freundinnen das vielleicht anders sehen mögen. 

"Wenn ich mich verliebe und heirate, ist das für immer, dann wird es nie mehr einen anderen Mann für mich geben", erzählte mir kürzlich eine Freundin, die seit langem Single ist und sich offenbar nicht mehr daran erinnert, wie kompliziert Beziehungen sind. "Alles andere wäre schädlich." Ich lächelte freundlich und dachte mir, dass das irgendwie naiv ist. Luftwurzellieben sind alles andere als schädlich. Sie geben uns neue Impulse, verzaubern und inspirieren. So ein kleines, unschuldiges Geheimnis dann und wann macht einfach glücklich. Und die echte Beziehung noch ein klein bißchen besser ...

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